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Mittwoch, 4. Juli 2018

10 Ukrainische Schlösser und Burgen


Die Ukraine ist ein unabhängiger Staat in Osteuropa, der einst das Zentrum der ostslawischen Kultur innerhalb der Kiewer Rus war, welches die Grundlage der heutigen ukrainischen Identität bildet.

Seit dem 13. Jahrhundert wurde um dieses Gebiet viel gekämpft und gestritten zwischen Litauen, Polen, Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und Russland. Die Kosakenrepublik entstand und hatte seine Blütezeit im 17. und 18. Jahrhundert, aber ihr Territorium wurde schließlich zwischen Polen und dem Russischen Reich aufgeteilt und schloss sich zusammen mit der Sowjetunion bis zu deren Zusammenbruch. Diese Vielfalt der Kulturen ist in der reichen architektonischen Geschichte und in der Vielfalt der Schösser/ Burgen in der gesamten heutigen Ukraine repräsentiert.

1 – Luzker Burg 
Die Luzker Burg, auch bekannt als Liubartas-Burg, ist eine im 14. Jahrhundert erbaute Festung, die in der Altstadt von Luzk, Ukraine, sich befindet. Die Burg ist berühmt für abgewehrte Belagerungen durch zahlreiche Machthaber, unter ihnen Kasimir der Große (1349), Jagiello (1431) und Sigismund Kęstutaitis (1436). Genau hier fand die Luzker Konferenz von 1429 statt, an der unter anderen der Kaiser Sigismund, Wassili II. Wassiljewitsch der Blinde, Jagiello, Vytautas der Große und der Woiwod des Fürstentums Walachei teilnahmen.

Luzker Burg – Bildquelle: Сергій Криниця (Haidamac)

Luzker Burg – Bildquelle: Юрій Кепа

2 – Burg Swirsch

Die Burg Svirsch ist ein großes befestigtes Herrenhaus, das im 15. Jahrhundert von der Familie Świrski gebaut wurde. Die Burg, die in Swirsch, Lemberger Gebiet, Ukraine, liegt, wurde im 17. Jahrhundert auf Geheiß ihres neuen Besitzers Graf Aleksander Center wiederaufgebaut. Die Burg wurde zum Ziel mehrerer Angriffe von Kosaken und Türken, bevor sie dem Zerfall überlassen wurde bis zu Restaurationsarbeiten in den letzten Jahren.

Burg Svirsch – Bildquelle: Iryna Zhyzhyrii

Burg Svirsch – Bildquelle: Neovitaha777

3 – Festung Khotyn

Die Festung Khotyn liegt am Ufer des Flusses Dniester in der Stadt Khotyn in der westlichen Ukraine. Die heutige Festung wurde im 1325 Jahr von Fürst Danylo Romanowitsch von Galizien und seinem Sohn Lew errichtet, aber die Burg befand sich seit dem 10. Jahrhundert auf dem Gelände.

Seit 1340 bis in die Moderne wurde die Festung stetig und massiv wegen der Invasionen durch die Moldawier, Türken, den Staat Polen-Litauen, die Saporoger Kosaken, Russland, Rumänien und die Achsenmächte der Zweiten Weltkrieges erweitert.


Festung Khotyn – Bildquelle: Folkerman

Festung Khotyn – Bildquelle: Wadco2

4 – Burg Tscherwonohorod

Die Burg Tscherwonohorod, die einst Sitz der Magnatenfamilie Danilowitsch war, liegt in den verlassenen Ruinen der Stadt Tscherwonohorod im Gebiet Ternopil in der Ukraine. Die Stadt heißt Tscherwonohorod bzw. Tscherwone, was wörtlich "die rote Stadt" bedeutet, und war das amtliche administrative Zentrum der Region seit 1434.

Die heutige Burg wurde Anfang des 17. Jahrhundert gebaut, aber erlebte um das Jahr 1820 eine Zeit des Abrisses und der Renovierung durch die Familie Poninky, die Tscherwonohorod in ein opulentes Schloss verwandelte.


Burg Tscherwonohorod – Bildquelle: Віктор Полянко

Burg Tscherwonohorod – Bildquelle: Віктор Полянко

5 – Festung Kamjanez-Podilskyj

Die Festung Kamjanez-Podilskyj ist eine große Festung in der gleichnamigen Stadt. Die Festung wurde um das 14. Jahrhundert mit dem Ziel konstruiert, die Grenzbrücke zwischen der Stadt und dem Festland zu verteidigen.

Die Festung KamjanezPodilskyj unterlag im Laufe der Jahrhunderte mehreren Belagerungen und Angriffen, was sich in der multikulturellen Architektur und in den noch heute innerhalb der Festung stehenden Gebäuden widerspiegelt.


Festung Kamjanez-Podilskyj – Bildquelle: Håkan Henriksson

Festung Kamjanez-Podilskyj – Bildquelle: Håkan Henriksson

6 – Schloß Pidhirzi 

Die Burg Pidhirzi ist eine befestigte Residenz, die im Lemberger Gebiet liegt. Die heutige Burg wurde zwischen 1635–1640 von Guillaume Le Vasseur de Beauplan im Auftrag des Polnisch-Litauischen Großhetman der polnischen Krone Stanisław Koniecpolski auf dem Gelände einer früheren Festung erbaut.

In ihrer Blütezeit unter Jakub Ludwik Sobieski war die Burg reich ausgestattet, hatte einige Säle, eine Bibliothek und kunstvoll gestaltete Gärten und Parks. Nach zahlreichen Besetzungen durch die Russen und durch das Österreichisch-Ungarische Reich wurde die Burg im Jahr 1956 fast vollständig niedergebrannt.


Burg Pidhirzi – Bildquelle: Ilnytskyi Roman

Burg Pidhirzi – Bildquelle: Haidamac


7 – Festung Akkerman

Die Akkerman Festung in Bilhorod- Dnistrowskyj stammt aus dem 13.-14. Jahrhundert und ragt hoch über dem Dnister im Gebiet Odessa in der südwestlichen Ukraine auf. Die Festung wurde auf den Überresten der antiken griechischen Stadt Tyras, die das Schwarze Meer überblickte, errichtet.

Während des 15. Jahrhunderts wurde Bilhorod- Dnistrovskyi wiederholt von den Armeen des Osmanischen Reiches und den Kosaken aus Saporischschja belagert, bevor es schließlich unter die Kontrolle der Türken fiel, was zu einer massiven Ausdehnung der Verteidigungsanlagen der Burg führte.


Festung Bilhorod-Dnistrowskyj – Bildquelle: Alexey M.

Festung Bilhorod-Dnistrowskyj – Bildquelle: Alexey M.

8 – Festung Medschybisch

Die Festung Medschybisch wurde als Bollwerk gegen die osmanische Expansion in den 1540-er Jahren gebaut und ist zu einer der stärksten Festungen unter der Krone des Königreiches von Polen in Podolien geworden.

Die Festung liegt am Zusammenfluss der Flüsse Südlicher Bug und Buschenka, in der Stadt Medschybisch in der Ukraine.


Festung Medschybisch – Bildquelle: Zysko serhii

Festung Medschybisch – Bildquelle: Posterrr

9 - Palanok

Die Burg Palanok ist eine große Gipfelburg in der Stadt Mukatschewo in der westlichen Ukraine in Transkarpatien. Ihr Bau begann im 14. Jahrhundert durch Adlige aus dem Königreich Ungarn auf einem 68 Meter hohen Massiv vulkanischen Ursprungs.

Im Laufe der Jahrhunderte diente die Burg als Residenz für viele namhafte Personen: der Familie Korjatowytsch für fast 200 Jahre, dem serbischen Fürst Đurađ Branković, dem Regenten von Ungarn János Hunyadi und der Frau des ungarischen Königs, Laiosh Maria.


Burg Palanok – Bildquelle: Baloha

Burg Palanok – Bildquelle: Adam Jones

10 – Kudrynzi

Die Burg Kudrynzi stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert und wurde auf einem Berggipfel mit Blick auf den Fluß Sbrutsch im Gebiet Ternopil in der Ukraine erbaut.

Kurz nach ihrer Errichtung unterlag die Burg wiederholten Belagerungen durch die Kosaken und Türken bis sie letztendlich im 19. Jahrhundert verlassen wurde und dem Zerfall preisgegeben wurde.


Burg Kudrynzi – Bildquelle: Rbrechko

Burg Kudrynzi – Bildquelle: Roman Zimovets

Montag, 18. Juni 2018

22 Top interessante Fakten über Kiew


Die ukrainische Hauptstadt hat neben den all den einzigartigen Sehenswürdigkeiten aus über 1000 Jahren Geschichte natürlich auch etliche Superlative vorzuweisen, die wir Ihnen hier für Ihre nächste Kiew Städtereise ans Herz legen.

Am Kreschatyk
Die längste Straße ist der Prospekt Brovarskyj, Länge ca. 14 km.
Die kürzeste Straße heißt Ingenieursgasse  (in der Nähe von  Arsenalna Platz), die Länge ist weniger als 50 Meter, dort befinden sich nur drei Gebäude.
Die älteste Straße von Kiew  ist die Wladimir Straße, sie ist mehr als tausend Jahre alt.
Die breiteste Straße ist Kreschtschatyk, 75 Meter von Haus zu Haus.
Die schmalste Straße heißt die Georgsgasse, wo die Breite der Fahrbahn nur 5,4 Meter ist.

Der älteste Baum Kiews ist eine Eiche in der Osipovska Straße, die nach dem deutschstämmigen Gartenbaumeister Wilhelm Christer benannt wurde, der in Kiew im 19. Jh. eine Baumschule und Gartenbauschule betrieb. Nach Jahresringen  hat die Eiche ein Alter von 600 bis 700 Jahren.
Das am dichtesten besiedelte Gebiet ist der Desnjanskyj Bezirk (Rayon), es wird von etwa 354.500 Menschen bewohnt.
Das am wenigsten besiedelte Gebiet ist der Bezirk Petschersk, dort gibt es etwa 139.000 Menschen.
Die tiefste U-Bahn-Station in Kiew ist "Arsenalna", die Tiefe ist 105 Meter, eine der tiefsten der Welt.
Die schönste Station des Kiewer Metro ist "Goldenes Tor", eine der zehn schönsten U-Bahnen der Welt.

Auf der Rolltreppe der Kiewer Metro.

Das höchste Gebäude ist  Fernsehturm, erbaut im Jahr 1973, mit einer Höhe von 380 m.
Der höchste Punkt  in Bezug auf den Dnepr ist der Ruhmesplatz, 200 m hoch über dem Fluß.
Das beliebteste Souvenir aus Kiew ist „die Kiewer Torte“, die seit 1956 produziert wird und deren markantestes Merkmal der hohe Zuckergehalt ist.
Die größte Institution ist die nationale technische Universität der Ukraine, das "Kiewer Polytechnische Institut" mit etwa 42.000 Studenten und einer Gesamtbelegschaft von mehr als 50.000 Menschen.
Das am meisten besuchte Museum der ukrainischen Hauptstadt ist das Nationale historisch - kulturelle Reservat "Kiewer Höhlenkloster". Es wird von etwa einer Million Touristen pro Jahr bestaunt.

Im Kiewer Höhlenkloster
Das älteste Denkmal ist das Monument an die Verleihung des Magdeburger Rechts (es gibt auch einen anderen ungenauen Namen: "Denkmal der Taufe des Landes"); es wurde in den Jahren 1802-1808 vom  Architekten Melensky errichtet.
Das höchste Denkmal ist die Skulptur "Mutter Heimat" des Bildhauers - W. Boroday, die Höhe beträgt 102 m, Das Monument wurde 1981 errichtet; es ist eine der fünf höchsten Statuen der Welt.
Die größte Wohnsiedlung ist der Bezirk Trojestschina (240.000 Personen), der nach der Tschernobyl- Katastrophe ab 1986 für die umzusiedelnden Familien errichtet wurde.
Die größte Industrieunternehmen von Kiew ist das "Aviant" Werk, das die bekanntesten  Flugzeuge der Marke Antonow produziert. Legendär ist die AN225 "Mriya".
Die längste ÖPNV- Route ist die Straßenbahn Nummer 12 (von Kontraktowa Platz bis zu  Puschtscha Wodiya), ihre Länge beträgt ca. 20 km.

Mutter Heimat Statue
Der kürzeste Transportroute Kiews ist die Standseilbahn mit einer Länge von 222 m.
Der größte Park Kiews trägt den Namen von Pylskyj und belegt eine Fläche von etwa 150 Hektar.

Talstation der Kiewer Standseilbahn



Montag, 3. März 2014

Eine herbstliche Panne in den Karpaten. Ukrainische Improvisationen

In den ukrainischen Karpaten
In den ukrainischen Karpaten

Mit einem reichhaltigen Frühstück im Bauch und mit festem Schuhwerk an den Füßen steigen wir ins Auto ein: Heute wollen wir in den Karpaten wandern! Das Wetter ist eher mies: Grau und undurchdringlicher Nebel rundum. Die Aussicht wird wohl beschränkt sein oben… Der Weg, den wir nehmen ist sehr stolprig. Bei jedem größeren Stein spüre ich die Stoßdämpfer. Als die Asphaltstraße endet denke ich, dass wir anhalten und zu Fuß weiterlaufen müssen, aber wir fahren immer weiter.

Der Nebel verschwindet allmählich. Auf unserer Fahrt durchqueren wir ein paar Karpatendörfer, genauer gesagt vereinzelte Häuser, treffen aber niemanden. Endlich verlassen wir den schier endlosen Wald, aber der steinige Feldweg hört nicht auf. Je höher wir aus dem Wald herauskommen, desto mehr klart es auf.

Nur noch ein kurzes Stück des Wegs fahren wir,dann steigen wir aus. Doch ich spüre die Unruhe meines Fahrers. Er stellt den Motor aus und steigt aus dem Wagen. Mit verdrossener Miene kommt er wieder und meldet, dass der Reifen geplatzt ist. Nichts und niemand um uns herum. Ich biete meine Hilfe an und kriege ein etwas ironisches Lächeln zurück… Naja, stimmt schon, ich bin kein Profi- Reifenwechsler.

Ich nutze also die Gelegenheit, um eine verlängerte Fotosession in den Karpaten zu veranstalten. Ich bin von wunderbarer Landschaft umgeben. Der Nebel enthüllt endlich die sanften Hänge mit noch grüner Wiese und mit rot goldenen Bäumen.

Ich kehre zum Wagen zurück, aber der Reifenwechsel scheint doch nicht so einfach zu sein. Also beschließe ich, noch eine andere kleine Tour zu machen, diesmal ohne Kamera. Ich steige hinauf bis zu den Sommerweiden, hinter dem Hügel öffnet sich ein herrliches Panorama über die ganze Karpatenkette.

Ich gehe wieder bergab und mein Begleiter scheint noch mehr verdrossen zu sein. Kein Fortschritt in Sicht: Das Rad mit dem geplatzten Reifen will einfach nicht abgehen. Diesmal bleibe ich beim Auto und der Fahrer geht auf die Suche nach starken Händen und gutem Werkzeug. Während seiner Abwesenheit fahren Huzulen, Angehörige der hiesigen Bevölkerung, mit einer Pferdekutsche vorbei und bieten mir an, mich mitzunehmen. Ich lehne höflich ab.

Herbstliche Karpatenidylle
Herbstliche Karpatenidylle

Einige Zeit vergeht und mein Fahrer ist wieder da, mit einem großen Schraubenschlüssel in der Hand. Das Rad wehrt sich widerspenstig gegen alle Abbauversuche und der Schlüssel geht kaputt. Mein Fahrer lässt mich wieder alleine.

Diesmal sind es zwei Wanderer, die mir anbieten, mich zu entführen. Obwohl ich gerne spazieren gegangen wäre, bleibe ich artig im Auto. Ich warte noch ein bisschen.

Der Nebel hat sich inzwischen völlig gelichtet und ist strahlendem Sonnenschein gewichen. Mein Fahrer kommt ohne helfende Hände zurück. Also warten wir weiter. Nach einer Weile erscheint ein Trecker am Horizont und nähert sich. Er hält und zwei Huzulen steigen aus. Nach einem kurzen Wortwechsel und einem Blick auf den Reifen wird eine Entscheidung getroffen: Es wird ein Messer rausgeholt, ein noch größeres Loch in den Reifen geschnitten, ein passgenaues Stück Gummi eingesetzt und mit Spucke abgedichtet. Das wars! Kein Witz! Am Anfang konnte ich das selber nicht glauben, vor allem auf dem steinigen Weg.

Aber danach sind wir mit diesem geflickten Reifen noch einige hundert Kilometer gefahren. Und kein Zwischenfall…

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Im Himmelfahrtskloster Potschajew

Händler am Kloster Potschajew.
Händler am Kloster. Alles ist käuflich, selbst die goldene Kuppel.

Bin heute ganz früh aufgestanden und gerade erst in die Ukraine angekommen. Das Wetter ist mies, trotzdem bin ich total motiviert und könnte Berge erklimmen, auch wenn das Kloster in Potschajew nur auf einem kleinen Hügel gelegen ist, der schnell zu bewältigen ist. Das Frühstück gibts in einer Bus-Bäckerei am Straßenrand, schnell und unkompliziert. Aufmunternd, besonders der warme Tee. 

Das ganze Klostergelände oben auf dem Hügel ist in einen dichten Nebel eingehüllt, der immer dichter wird je näher wir herankommen.

Am Eingang erlebe ich eine kleine Verwandlung, um die Sitten der orthodoxen Gläubiger zu respektieren: Ich muss einen langen Rock anziehen und mein Haar mit einem Tuch bedecken. Ich sehe sogar ein bisschen ukrainisch aus, was meine Reisebegleiter zum Lachen bringt.

Wir erklimmen den Klosterhügel noch ein bisschen mehr. Mit dem Nebel muss man wirklich sehr nah an jedes Gebäude herangehen, um die ganze Pracht der bunten und goldenen Bemalungen in ihrem vollen Glanze wahrzunehmen. Es verleiht dem ganzen Komplex eine geheimnisvolle fast mystische Stimmung, vor allem als wir in die Höhlen hinabsteigen, wo die orthodoxen Mönche begraben liegen, die in diesem Kloster einst innbrünstig gebetet haben.

Die kirchliche Musik und die frommen Gesänge in der Hauptkirche mit ihren zahlreichen Pilgern, die lange anstehen müssen, bevor sie sich niederknien können, um den Fußabdruck der Heiligen Maria, die sie hier laut Legende hinterließ, zu erblicken und zu küssen, das alles hinterlässt einen tiefen Eindruck von unglaublich großer Besinnlichkeit und Ruhe, die in völligem Kontrast zu der Hektik der modernen Zivilisation steht. Es ist unglaublich.

Mein Reiseführer zeigt mir mit dem Arm in Richtung Karpaten, wo ich bei schönem Wetter eine herrliche Aussicht auf herbstliche Landschaften genießen könnte, aber dieser Genuß bleibt mir heute verborgen. Und wie wir hier im Nebel stehen, bin ich schon wieder von diesem Gefühl von Abgrenzung von der äußeren Welt überwältigt.

Wir steigen den Hügel herunter und verlassen bald das Klostergelände. Am Ausgang bringen uns die Souvenirs-Verkäufer in die Wirklichkeit zurück. Ikonen, bemalte Ostereier, Kopftücher, Gebetsbücher, Magnete oder Glücksbringer für die Fahrer, die Auswahl ist natürlich riesig. Ich denke jedoch, dass ich bei meinen Nachbarn ziemlich viel Resonanz finden würde, wenn ich mir statt dessen eine goldene Kuppel für das Dach meines Gartenhäuschens anschaffe. 

Wir steigen ins Auto und fahren weiter, die Stille ist schon längst wieder durch den chaotischen Verkehrslärm unterbrochen. Der Nebel verschwindet auch nach und nach, je weiter wir uns von dem Kloster in Potschajew entfernen.



Das Himmelfahrtskloster Potschajew
Bei schönem Wetter von beeindruckendender Pracht.

Dienstag, 26. November 2013

Ausflug in die Ukraine südlich von Lemberg oder das Matrjoschka- Prinzip



Die Kunstgalerie in Drohobytsch
Die Kunstgalerie von Drohobytsch
Während meines Aufenthaltes in Lemberg, hatte ich die Gelegenheit, einen Ausflug in die Westukraine südlich von Lemberg zu unternehmen. Ein unvergesslicher Ausflug, auf dem ich sehr viele Leute kennenlernte.

Alles fing mit einer zufälligen Begegnung auf der Straße an: Ich fragte nach dem Weg, eine junge Frau antwortete mir, stellte fest, dass ich Ausländer bin. Ich stelle fest, dass sie ein perfektes Deutsch spricht. Und so schwatzen wir ein bisschen, sie lädt mich ein, sich am Abend mit ihren Freunden in einer Bar in der Nähe meines Hotels zu treffen und ich willige ein.

Bei den vielen Gesprächen stellt sich heraus, dass ein Freund aus Drohobytsch stammt, er macht groß Werbung für seine Heimatstadt. Seine Eltern leben immer noch dort, er war sie lange nicht mehr besuchen. Auf einmal schlägt er mir vor, ihn am nächsten Tag dorthin zu begleiten. Ich habe schon 2 Tage in Lemberg verbracht, meine Freunde sind schon nach Hause abgeflogen, einen guten Einblick über die Hauptstadt Galiziens habe ich schon bekommen, wieso also nicht? Wir verabreden uns um 5 Uhr am Hauptbahnhof. Wir müssen früh losfahren, wenn wir pünktlich am Abend nach Lemberg zurückfahren wollen. Naja, es fährt ja auch nur ein Zug am Tag dahin…

Noch im Halbschlaf, ohne gefrühstückt zu haben (denn das Restaurant war angeblich noch zu) gehe ich raus auf meine Lieblingsstraße in Lemberg, die von der Oper zum Hauptbahnhof führt, mit auf den ersten Blick unüberwindbaren Hindernissen. Es regnet. Wie aus Eimern. Die 15 Minuten zu Fuß sind heute ziemlich lang…

Am Bahnhof zeigt mir mein neuer Freund Vasil stolz die zwei Zugfahrkarten, die er an der Kasse grade ergattert hat. Wir schaffen es sogar noch, er einen Tee, ich einen Kaffee zu trinken. Eine Oma verkauft uns ein Brötchen mit Quarkfüllung (Watruschka). Auf dem menschenleeren Gleis finden wir einen trockenen Platz zum Warten. 

Endlich kommt der Zug. Er kommt mit viel Lärm an, der Fahrer scheint, die Bremsen der Lok zu testen, aber sie bringen den Zug zum Stehen, ohne Stoß. Der Zug sieht sehr hoch aus, ich frage mich, wie ich die Treppen hinauf schaffen werde. 

Im Wagen ist alles still. Mit „alles“ meine ich die 60 Reisenden, die im offenen Schlafwaggon auf Doppelstockbetten liegen. Zwei Personen längs des Flurs und 4 quer zum Flur, es bleibt noch gerade genug Platz, damit sich eine Person durchschleichen kann. Alle schlafen. Nur unsere Zugführerin ist da, um uns zu empfangen. Beim Schleichen zu unseren Plätzen merke ich jedoch, dass hie und da ein Auge aufgeht. Im letzten Moment umkurve ich einen Fuß, der unter der Decke hervorragt. Vasil setzt sich hin, ich mache es ihm nach. Wir brauchen kein Bettzeug wie die anderen, die auf der Fahrt des Zuges aus der Ostukraine hier im Waggon eine ganze Nacht oder gar mehrere verbringen. Wir gucken uns erst still an, dann schließen wir auch die Augen.

Eine halbe Stunde vor Ankunft werden wir von unserer Zugführerin geweckt. Wir steigen aus, ohne eine Stufe zu verpassen. In großen kyrillischen Blockbuchstaben entziffere ich auf dem beeindruckenden Bahnhofgebäude für eine solch kleine Stadt: DROHOBYTSCH. Wir sind zwar früh da, aber gerade recht angekommen: die Stadt pulsiert schon. Und es regnet hier nicht.

Wir sehen, wie zahlreiche Marschrutkas (Minibusse, die als öffentlicher Verkehrsmittel dienen) anhalten und dann wieder schnell wegfahren. Kein Schild in Sicht, keine Bushaltestelle. Mein Reiseführer geht zielstrebig zu einer der Schlangen, die sich gebildet haben. Wir warten einige Minuten. Ein Marschrutka fährt vorbei, dann das nächste. Leute steigen ein und aus. Als die Nummer 137 ankommt, sind wir mit Einsteigen dran. Vasil zahlt die Fahrt direkt beim Fahrer. So funktioniert es, ohne Fahrkarte. Eigentlich ganz umweltfreundlich, wenn man von den ziemlich dunklen Abgaswolken absieht…

Wie verabredet steigen wir in der Innenstadt aus, um ein kleinen Rundgang zu machen, bevor wir das Haus seiner Eltern anpeilen. Vasils Mutter hat darauf bestanden, uns ihren Borschtsch, eine Suppe mit roter Bete, kosten zu lassen. Wir laufen am Theater, einem pistaziengrünen prächtigen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, an der Synagoge, an einem verlassenen Kino, an einer Fußgängerzone und an Wohnvierteln vorbei.

Die Architektur von Drohobytsch ist sehr abwechslungsreich: vom sozialistischen Stil über deutschen Barock bis hin zu einfachen Holzhäusern mit Schnitzereien. Die letzteren fangen natürlich meinen Blick. Diese Häuser aus Holz haben meist einen Garten mit bunten Blumen und Beeten, die der Straße ein verlassenes aber charmantes Antlitz verleihen. Hier entdecken wir auch das Haus, in dem einst der Schriftsteller Bruno Schulz lebte. Drohobytsch hinterlässt in mir einen gemischten Eindruck, Stadt und Dorf in einem.

Wir erreichen dann auch das Haus von Vasils Eltern, ein 5stöckiges Haus aus der Chruschtschow- Ära, wie mir mein Begleiter mitteilt, ziemlich zerfallen von außen. Seine Mutter empfängt uns mit einem breiten Lächeln. Sein Vater sitzt schon am Tisch und guckt Fernsehen, bevor das Essen losgeht.

Der Tisch ist schon reich gedeckt, wir müssen uns nur noch hinsetzen und essen. Die versprochene Rote-Bete-Suppe ist tatsächlich lecker, das Hauptgericht auch (ich kann mich an den Namen nicht mehr erinnern, aber an den Geschmack schon!). Trotz der wenigen Worte, die ich auf Russisch kenne, schaffen wir es, uns zu verständigen und lachen viel zusammen. Vielleicht lag das auch an der Flasche, die wir bei Essen gemeinsam allmählich, aber sicher leerten. 

Meine Gastgeber fingen dann an, sich für mich ein Nachmittagsprogramm auszudenken. Der Vater von Vasil sollte etwas bei einem Freund in Truskawez, einer Kurstadt mit populärem Thermalheilquellen in der Nähe von Drohobytsch, abgeben und wir würden ihn begleiten. Bevor wir uns auf den Weg machten, tranken wir noch Tee mit „Vogelmilch“, eine Art überzuckerte Baiser mit Schokoladenüberguss. Perfekt wenn man vergessen hat, seinen Tee zu süßen!

Der Wagen, in den wir einstiegen, einen alten Lada, wäre schon längst auf dem Schrottplatz in Deutschland, aber in der Ukraine fahren die Autos länger als bei uns. Die ukrainischen Automechaniker haben rustikale Lösungen für alle Probleme. 

Die Fahrt dauert nur reine Viertelstunde. Die Straßen werden schlechter. 

Die Innenstadt von Truskawez, am Rande der Karpaten, besteht aus zwei Hauptstraßen, eine ist für Fußgänger freigelassen und mit einer breiten Baumallee und kleinen Parks mit bunten Gartenhäuschen bestanden, die mit den sowjetischen, eher grauen Gebäuden kontrastieren.

Flaniermeile in Truskawez
Flaniermeile in Truskawez

Viele Leute flanieren. Eine Statue vor dem Eingang der Thermen lädt uns ein, hereinzuspazieren. Wir entdecken viele Wasserhähne, aus denen heilsames Mineralwasser herausfließt. Über jedem Wasserhahn hängt eine Erklärung über die enthaltenen Mineralien und den gesundheitlichen Nutzen. Da das Wasser Schwefel beinhaltet, werden ungewöhnliche Behälter zum Trinken benutzt, ohne dass die Zähne das Wasser berühren.

Auf dem Rückweg treffen wir wie durch Zufall den Freund des Vaters, bei dem er ein Päckchen abgeben sollte. Er bittet uns, ihn nach Drohobytsch mitzunehmen. Nun saßen wir im kleinen Auto mit einem Reisenden mehr. Unterwegs steigt noch ein Tramper ein, am Rande eines Dorfes. Er trägt ein Huhn auf dem Arm, das ihm seine Mutter geschenkt hat. Seine weißen struppigen Haare erinnern ein bisschen an die Mähne eines Löwen. 

Während der Fahrt geraten wir natürlich ins Gespräch und der Löwe wundert sich, dass man mir die beiden Holzkirchen in Drohobytsch nicht gezeigt hat. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und werden seit mehreren Jahren aufwendig restauriert. Es stellt sich heraus, dass der Löwe selbst die Kirchen renoviert. Wir setzen erst den Freund des Vaters von Vasil ab. Dann halten wir an einer der Kirchen an. Der Löwe mit seinem Huhn unterm Arm macht uns die Tür der Holzkirche mit einem riesigem Schlüssel auf, so wie man ihn sich in Märchen vorstellt. Er redet viel, wenig über die Kirche und seine Kunst, als würde es ihn nicht so sehr interessieren. Aber ich merke, dass er schon beeindruckt ist, dass ein Deutscher bis hierhin angereist ist, um sich „seine“ Kirche anzuschauen.

Wir danken ihm für diese unerwartete Besichtigung, es ist schon Zeit für den Zug zurück nach Lemberg. Ein schneller Blick auf die Uhr reicht aus, um das Angebot des Vaters von Vasils anzunehmen, uns zum Bahnhof zu bringen. Am Bahnhof hat Vasil noch Zeit, uns Verpflegung für den Zug zu besorgen. Die Treppen des Wagons scheinen mir heute Abend doch nicht mehr so hoch.

Beim Essen schweift mein Blick über die Landschaft, die am Zugfenster vorbeifliegt, und meine Gedanken über all die unerwarteten Ereignisse, die in so kurzer Zeit geschehen sind - all die Leute, die ich zufällig getroffen haben: Die deutsch sprechende Frau, ihr Freund Vasil, sein Vater, dessen Freund, der Tramper/Kirchenrestaurator und natürlich sein rotes Huhn. Ich hatte gerade das magische Prinzip der ukrainischen Matrjoschka- Puppen am eigenen Leib erlebt: Ein Treffen birgt jeweils das nächste in sich.

Der Eingang zur Kurhalle in Truskawez
Der Eingang zur Kurhalle in Truskawez

Mittwoch, 6. November 2013

Lemberg. Lviv, mon amour.


Das Opernhaus in Lemberg.
Das Opernhaus in Lemberg.

Es ist soweit - meine langersehnte Reise steht endlich vor der Tür ! Mein Gepäck ist gepackt, eingecheckt habe ich mich schon im Voraus übers Internet (Technik ist echt praktisch, muss man sagen! Man muss nicht mehr am Schalter Zeit vergeuden…). Bleibt mir nur noch, morgens pünktlich aufzustehen und in den Zug zum Flughafen einzusteigen. Hinter der Sicherheitskontrolle trinke ich noch einen Kaffee und setze mich gemütlich in den Wartebereich, bevor das Boarding für meinen Flug nach Lemberg beginnt.

Mit einer Stunde Verspätung bei meinem Zwischenstopp am Flughafen in München, wo unsere Maschine zu klein für einen Rollstuhl war, landen wir endlich in Lemberg. Zu meinem großen Erstaunen ist der Flughafen total neu, modern und übersichtlich von der Größe. Am Ausgang, wie in allen osteuropäischen Ländern, werden die Passagiere durch gierige Taxifahrer empfangen, die uns ihre überteuerten Preise anbieten.

Ich gehe erstmal Richtung Bankautomat. Der erste funktioniert natürlich nicht. Mit dem zweiten klappt das besser. Dann habe ich die Idee, durch den hinteren Ausgang einen Taxifahrer zu suchen. Ich konzentriere mich, um meine Russischkenntnisse aufzurufen. Der erste Taxifahrer ist in seinen Preisen überhaupt nicht flexibel, ich gehe weg. Ein anderer spricht mich an, mit dem ich mehr Erfolg habe. Und da sitze ich schon auf dem hinteren Sitz seines Autos und wir fahren in Richtung Altstadt! Wie stolz würde meine Russischlehrerin sein!

Mein Hotel hatte ich im Voraus schon gebucht, ich musste nur noch mein Gepäck im Zimmer abstellen und meine Erkundungstour durch Lemberg konnte beginnen. Das Hotel ist, nebenbei gesagt, total korrekt, sauber und den europäischen Maßstäben entsprechend. Das Personal war mir gegenüber sehr zuvorkommend. Am Empfang antwortet man mir erst auf Ukrainisch, holt dann aber schnell eine junge Frau, die ein bisschen Englisch spricht. Trotz allen Sprachschwierigkeiten versucht sie mir alles zu erklären, mir zu zeigen, wohin ich gehen muss und was ich mir alles anschauen muss. Einen Stadtplan könne sie mir leider nicht anbieten, gibt es im Hotel nicht, erklärt sie mir. Ich verlasse mich mal auf meinen Orientierungssinn und hoffe, er lässt mich nicht im Stich!... Ich darf mir ein Frühstück für morgen aussuchen. Zur Auswahl Eier in allen Formen, Kascha (Buchweizenbrei) mit Wurst, es gibt auch süße Sachen. Vielversprechend. Ich packe meine Sachen im Zimmer aus und verlasse das Hotel.

Auf dem Lemberger Markt (Rynok)
Auf dem Lemberger Markt (Rynok)

Ich gehe raus und was für ein Chaos erwartet mich da: Die Hauptstraße zwischen Hauptbahnhof und Altstadt ist völlig aufgewühlt, für Autos gesperrt. Ein „Bürgersteig“ existiert noch, zwar nicht asphaltiert und mit einem Hindernislauf vergleichbar, aber immerhin hat man an die Fußgänger gedacht. Hie und da muss man Holzbrücken überwinden, Backsteinhaufen erklimmen, tiefe Löcher vermeiden und sich an den strömenden Passanten vorbeischlängeln, die in entgegengesetzte Richtung eilen und Entgegenkommende und die Schwierigkeit des Weges ignorieren. Ich erfahre später im Hotel, dass diese Bauarbeiten die Stadt seit 4 Monaten blockieren. Im Zentrum angelangt sehe ich schon nicht mehr ganz ordentlich aus: staubige Schuhe, struppiges Haar… Ich setze mich auf eine Bank am Opernplatz, um ein bisschen Luft zu schnappen…

Ich hätte keinen besseren Platz finden für meine Rast können! Der Opernplatz erstreckt sich an einer mit Bäumen bepflanzten Allee. Von da aus kann man die Leute gut beobachten. Zwei Männer spielen Schach auf einer Bank, andere haben sich um sie versammelt und helfen den beiden still beim Überlegen…Alte Frauen sitzen auch, genauso erschöpft wie ich. Viele Liebespaare spazieren hier auch lang, manche mit Kind hinterher.

In der Lemberger Altstadt
In der Lemberger Altstadt

Ich entschließe mich, meine Tour fortzuführen und hole mir erst mal eine Eiswaffel, das wie ein Becher aussieht und auch so heißt: stakantschik (russisch für "Glässchen"). Dann bummele ich durch die verwinkelten Straßen, bis ich auf dem Marktplatz (Rynok) lande. Überall Kirchen, jede für eine andere Konfession: katholisch, dominikanisch, armenisch, griechisch-katholisch, orthodox, Synagogen gibt es natürlich auch…

Unterwegs treffe ich eine junge Frau, die mir eine Führung auf Englisch anbietet, dann werde ich aufgefordert, einen Adler auf den Arm zu nehmen zwecks Foto und zu meinem großen Erstaunen hakt sich plötzlich eine alte Dame bei mir ein. Ich soll sie bis nach Hause begleiten und ihre Taschen tragen, ihr sei schlecht.

Die ganze Altstadt ist eine Fußgängerzone - eine Ausnahme für Osteuropa. Viele Müßiggänger entspannen sich wie ich auf dem viereckigen Marktplatz mit Rathaus in seiner Mitte, gebaut nach polnischer Städteplanung. Zahlreiche Cafés laden zum Verweilen ein. Ein greller rot-gelber Zug versucht lautstark, Touristen für eine Stadtrundfahrt zu begeistern.

Am Lemberger Markt (Rynok)
Am Lemberger Markt (Rynok)

Am Abend treffe ich Freunde, die ein Zimmer in einer Jugendherberge gebucht haben. Wir kehren in das Kellerrestaurant Kryjiwka ein - ein Muss für Touristen in Lemberg. Es ist im Stil eines Bunkers eingerichtet, in denen sich zu Weltkriegszeiten ukrainischen Nationalisten versteckten. Um rein zu kommen, muss man am Eingang erstmal die Parole wissen - „Slawa Ukraini“ (Ruhm der Ukraine!).

Meine Freunde erzählen mir von ihrer Ankunft in Lemberg und beklagen sich über ihre Unterkunft im Hostel. Trotz viel versprechenden Fotos auf der Internetseite wurden sie sehr enttäuscht: Zimmer ohne Fenster, ein Badezimmer für alle mit offenen Duschen und Badewannen(!!!), dubiose Männer stehen an der Rezeption und quatschen Personal und Gäste an. Und passend dazu hatten sie das Porträt der Mona Lisa an der Wand hängen! Aber nach ein paar Gläsern Horilka (ukrainischer Wodka) in der Kryjiwka ist das alles schnell vergessen.

Am nächsten Morgen beschließe ich auf den Lytschakiw-Friedhof zu gehen, wo viele große ukrainische Persönlichkeiten begraben sind, unter anderem Iwan Franko, ihr größter Schriftsteller im 19. Jahrhunderts. Den Friedhof zu finden, fällt nicht leicht. Nur die Straßenbahn Nummer 7 fährt hin, also muss ich erst in die Altstadt. In der Tram, die mit großem Krach ihre Ankunft ankündigt, kaufe ich meine Fahrkarte beim Fahrer, da man mir die aus irgendwelchem Grund am Fahrkartenkiosk verweigert hat. Hier ist es praktisch, man muss nicht sprechen, einfach die passende Summe durch den kleinen Schlitz reichen, und der Fahrer reicht Ihnen dann die Fahrkarte. Wichtig dabei: immer die passende Summe haben…

Die nächste Schwierigkeit: das Entwerten des Tickets. Zum Schluss nimmt sie mir eine Frau aus der Hand und entwertet sie für mich in dem getarnten Entwerter, den ich sowieso hätte nicht bedienen können, auch wenn ich ihn gesehen hätte. Was für eine Überraschung, als ich die Ankündigung meiner Haltestelle auf Englisch hörte! Zum Glück, denn wenn nicht, hätte ich die richtige Station verpaßt. 

Vor dem Friedhof stehen Taxen und polnische Busse für Touristen. Ich kenne nur wenige Persönlichkeiten, die hier begraben sind, aber ein Spaziergang im Herbst ist hier wirklich lohnenswert: knallrote, gelbe und orange Baumblätter säumen den Weg und die Gräber. Es regnen goldene Blätter aus den Bäumen.

Auf dem Lytschakiwfriedhof
Auf dem Lytschakiwfriedhof

Ich spaziere dann noch viel durch Lemberg, ohne die Lust am Schauen und Betrachten zu verlieren, denn es gibt hier soviel zu entdecken. Eine ruhige und geheimnisvolle Stimmung liegt über dieser Stadt. Die zahlreichen Cafés bieten dem müden Spaziergänger einen gemütlichen Ort, wo man stundenlang der melancholischen Musik der ukrainischen Band „Okean Elzy“, die ich hier entdeckt habe, zuhören kann.

Ich meide die Souvenirläden, die weniger interessante Produkte als auf dem Markt anbieten, den ich am ersten Tag entdeckt hatte. Auf dem Markt kann man ja auch die Preise feilschen, die Auswahl an traditionellen ukrainischen Blusen und Tischläufern, an Matrioschkas (russische Puppen) oder handgestrickten Wollsocken ist hier auch größer. 

Eine schöne rote Kette aus runden Holzperlen fällt mir auf, ich kaufe sie, damit sie mich noch lange an die Reize meiner Lembergreise erinnern wird.

Sonntag, 1. Juli 2007

Reise nach Kiew und Odessa. Ein Reisebericht über eine Ukraine Reise

Kiew - Die Mutter der Rus
Am Anfang stand für uns die Frage, ob die Ukraine, deren wenig sagende Übersetzung „Grenzland“ lautet, ein lohnendes Reiseziel ist. Was gibt es zu entdecken? Was bestimmte unsere Interessen?
Zunächst einmal wollten wir einen weißen Fleck auf unserer touristischen Landkarte von Europa mit Eindrücken füllen, zumal die Ukraine ja hinsichtlich Fläche, Bevölkerung und auch Kultur ein politisches Schwergewicht unseres Kontinents darstellt. Die weitaus häufiger von Deutschen bereisten Ziele Ägypten, Mexiko und Australien kennen wir zwar auch nicht, sind aber der Ansicht, daß zunächst einmal der Bereich "vor der Haustür" erkundet werden sollte.
"Wir" - das sind in diesem Fall Vater ( fast 70 Jahre, aber zum Glück sehr rüstig ) und Sohn. Familiäre Wurzeln finden sich durchaus "im Osten", aber an anderer Stelle - in Schlesien, welches heute polnisch ist. Der Großvater ist 1941 vor Leningrad gefallen, durchquerte aber auf dem Marsch dorthin heute eher Weißrussland zuzurechnende Gebiete. Aus diesem Grunde hatten wir auch schon St Petersburg bereist, kannten überdies die baltischen Staaten.
Mein Vater war Soldat bei der Bundeswehr, überwiegend in Schleswig-Holstein, und damit war bis in mein Erwachsenenalter klar, daß familiäre Entdeckungsreisen niemals hinter den "Eisernen Vorhang" gehen würden. Daß diese "verbotene Zone" so plötzlich und selbstverständlich eines Tages für Urlaubsreisen offenstehen würde, ist für mich noch immer ein Wunder und hat meine Wahrnehmung politischer Vorgänge wesentlich verändert. Es schwingt also schon ein bißchen rational wohl nicht ganz erklärbares Interesse "für den Osten Europas" mit. Ausdruck davon sind auch bescheidene, aber auf unserer Ukrainereise sehr hilfreiche Kenntnisse der russischen Sprache.
Unsere Vorbereitungen der Reise bekamen dadurch noch etwas Würze, daß wenige Wochen zuvor, im April und Mai 2007, in der Ukraine Machtfragen noch einmal sehr offen gestellt wurden und dem Lande neuerliche Instabilität drohte - jedenfalls rechneten wir schon mit innerukrainischen Auseinandersetzungen.
Brauchbare Literatur zur Planung der Reise war schwieriger zu erhalten, als ich erwartet hatte, auch wenn man berücksichtigt, daß es sich nicht um ein touristisches Massenziel wie die Provence oder die masurischen Seen handelt. Hier möchte ich besonders ein Buch mit dem etwas provozierenden Titel "Kulturschock Ukraine" (Reise know how-Verlag) hervorheben, welches mit viel Einfühlungsvermögen und auf der Höhe der Zeit den bunten Hintergrund der ukrainischen Vergangenheit und die Vielgestaltigkeit der ukrainischen Gegenwart beleuchtet. Eine Schwäche dieses Buches sind die Darstellungen der großen Städte. Hier ist man wohl am besten beraten, vor Ort einen bildreichen Führer in deutscher Sprache zu besorgen. Dringend empfehle ich überdies, sich mit dem kyrillischen Alphabet vertraut zu machen – Vieles, gerade im öffentlichen Bereich, läßt sich dann ohne weiteres übertragen und verstehen.
In unserem Fall konzentrierte sich die Reise auf die Städte Kiew und Odessa, die größte und die kleinste der immerhin fünf ukrainischen Millionenstädte (neben Charkow, Dnjepropetrowsk und Donezk). Entsprechend ihrem zu erwartenden touristischen Gewicht hatten wir dabei der Hauptstadt fünf und der „Schwarzmeerperle“ drei Tage zugemessen, eine Lösung, die auf die uns zur Verfügung stehende Zeit von insgesamt acht Tagen zurückzuführen war. Hätten wir länger bleiben können, wäre sicher der „Klassiker“ einer etwa 2 wöchigen Dnjepr-Schiffsfahrt von Kiew nach Odessa in Betracht gekommen. Aber kaum wohl hätte uns auf einem solchen Flußkreuzschiff so viel quirliges und mitreißendes Großstadtleben erreicht wie bei unserer Variante, die 600 km mit der Bahn zurückzulegen.
Dankbar sind wir dem im Internet aufgestöberten Reisebüroteam von Dreizackreisen um Herrn Alexander Jolivet, mit dem ich im Vorfeld zahlreiche Telefonate geführt habe und der geduldig spezielle Wünsche unserer Reiseplanung aufnahm. Wir legten dabei besonderen Wert auf die für uns angemessene Mischung aus vorgeplanter und individueller Gestaltung : Wir verstehen darunter die geführte Pflichttour durch die wesentlichen Kirchen, aber bitte auch Besuch der wichtigen Theater und unbedingt das Baden im Dnjepr sowie im Schwarzen Meer ….
1.Tag
Unser Ausgangsflughafen war Hamburg, und die bequemen Maschinen der ungarischen Fluglinie Malev trugen uns per Gabelflug mit Zwischenlandung in Budapest nach Kiew bzw. am Reiseende von Odessa zurück in Deutschlands Norden. Nach Abholung am Flughafen von Kiew durch die ortsansässige Reiseleitung bezogen wir zunächst Quartier im Hotel „Ukraina“. Bis vor wenigen Jahren hatte es noch Hotel „Moskau“ geheißen, und in der Tat entfalteten sich in ihm Reste des rustikalen Sowjet-Charmes. Jedenfalls lag unser Hotel Ukraina/Moskau ideal im Zentrum der Stadt, direkt am Majdan, dem Platz der Orangenen Revolution 2004. Zahlreiche Unterführungen im Bereich des Majdan erlauben einem die Überquerung teilweise extrem befahrener Straßen, so auch des nah gelegenen Chreschtschatyk, der wichtigsten Einkaufstraße Kiews.
An diesem ersten Abend folgten wir einer kulinarischen Empfehlung, der wohl eine Einschätzung von uns zu Grunde lag, wir brauchten um uns Folklore und überbordende Dekoration. So landeten wir auf einem zum Restaurant umgebauten Dnjepr-Schiff, aßen zwar gut, aber auch zu stolzen Preisen und beschlossen fortan, uns eher auf unseren eigenen gastronomischen Instinkt zu verlassen, was wir während der Reise nicht bereut haben.
Der Unabhängigkeitsplatz im Herzen Kiews
2. Tag
Im Mittelpunkt dieses Tages stand die von Dreizackreisen angebotene deutschsprachige Stadtführung. Wir wurden von Larissa empfangen, die uns gleich eine Tour über 5 Stunden ankündigte. In der beleibten Larissa verbanden sich berufliche Professionalität, Selbstironie, starke Wurzeln in der sowjetischen Vergangenheit und Mutterwitz zu einer interessanten Persönlichkeit, die es verstand, das touristische Pflichtprogramm mit Anekdoten eingängig zu gestalten:
Der Schwerpunkt der Tour lag auf den wichtigen Kirchenbauten Kiews, auf die ich mich in meiner Darstellung beschränken möchte. Dies waren in der Reihenfolge ihrer Besichtigung: Das St- Michaelskloster, aus dem 12. Jahrhundert, unter Stalin 1937 abgerissen und jüngst wiedererbaut – ein gewaltiges Zeugnis des Aufbauwillens, welches in unserem Lande nicht ausreichend beachte wurde. Dann die am Kiewer „Montmartre“, dem Andreashang, gelegene 1750 von Rastrelli erbaute Andreaskirche. Schließlich die „Mutter der Russischen Kirchen“, die Sophienkathedrale aus dem Jahre 1020. Fast neu dagegen die Wladimirkathedrale, erbaut 1861-1862. Und zum Abschluß das Höhlenkloster Petscherskaja Lawra aus dem Jahre 1051, in dem u.a. die Nestorchronik entstanden war. Nach so viel vergoldeten Kuppeln, Ikonen und einer für einen Protestanten aus dem Norden beeindruckenden gelebten Gläubigkeit fiel der Übergang in den hektischen Kiewer Geschäftsalltag schwer – wir erleichterten uns dies mit einem Becher Kwas – einem typischen ukrainischen Getränk, das mich an verdünntes Malzbier erinnert und an der Straße direkt aus großen gekühlten Kanistern gezapft wird.
Das Höhlenkloster in Kiew
Am 3. Tag wollten wir einen " Ausflug auf`s Land " machen. Die Idee, sich hier in einen Eisenbahnzug am Zentralbahnhof zu setzen, ca. 100 Kilometer hinauszufahren und dann am späten Nachmittag dieselbe Strecke wieder zurück, scheiterte nicht zuletzt an einer leider sehr unfreundlichen Fahrkartenverkäuferin im Kiewer Bahnhof. Hier hätten wir uns gewünscht, daß zumindest ein Informationsstand in englischer Sprache zur Verfügung gestanden hätte - es handelt sich bei Kiew ja nicht um eine Stadt in der Größe von Köln: angegeben wird als Bevölkerung häufig 2.5 Millionen , während mehrere Führer uns unabhängig mitteilten, daß Kiew bereit über 4 Millionen Einwohner habe, so daß wir schon eher mit Berlin vergleichen müssten. Fehlendes sprachliches Entgegenkommen an offiziellen Stellen findet man aber leider auch in den großen Museen dieser Stadt, ebenso wie in Odessa. – Hier wird offensichtlich gedankenlos touristisches Potenzial verschenkt; denn die Ukrainer, welche sich um die englische oder deutsche Sprache bemühen, sprechen diese mit angenehmem Akzent und recht verständlich. Andererseits wollen wir nicht die Großzügigkeit dieses Staates vergessen, der uns – als einseitige Vorleistung – unproblematisch ohne Visum einreisen läßt (wer sich einmal um die Einreise nach Weißrußland bemüht hat, weiß dieses Entgegenkommen wohl zu schätzen).
Wir müssen also ziemlich hilflos am Kiewer Bahnhof dagestanden haben, bis uns ein Taxifahrer ansprach und uns anbot, für 200 Dollar den ganzen Tag umherzufahren. Diesen Preis wollte ich so nicht akzeptieren, und das war auch gut so. Benötigen Sie ein Taxi, lassen sie dies am besten durch das Hotel rufen. Die Rezeption vereinbart auf Wunsch dann auch gleich eine akzeptable Obergrenze für die Beförderung.
Auf Anregung eines Reiseprospektes hatten wir uns die ca. 100 Kilometer nordöstlich von Kiew liegende Stadt Nizhyn (ca 100.000 Einwohner) für die Exkursion aufs Land ausgesucht. Die Fahrt dorthin führte auf einer bemerkenswert guten autobahnähnlichen Straße durch ein uniformes Panorama weiter Feldflächen. Im Ort selbst entfaltete sich - gemessen an meinen Erwartungen - ein buntes und keinesfalls sehr rückständiges Leben: viele in Renovierung befindliche Kirchen, Marktatmosphäre, Geschäfte, die von DVDs, Handys und Sonnenbrillen bis hin zu raffinierter Schuhware alles anbieten – und Menschen, die irgendwie zufrieden wirkten. Auch hier auf dem Lande hatte die Schmelze aus Nordmannen, Slawen, Tataren und Schwarzmeeranrainern viele Menschen mit kaum übersehbar gefälligem Äußeren hervorgebracht - häufig unterstrichen von sehr modischer Kleidung.
Unser Fazit, als wir am späten Nachmittag wieder in Kiew ankamen: Es muss nicht Nizhyn sein, aber der Ausflug " auf das Land " gehörte auf jeden Fall dazu.
Abends sahen wir dann in der Kiewer Oper das Ballett Carmen sowie Sheherezade von Rimsky-Korsakow und waren nach diesem Programm ziemlich müde. Zu denken hat mir ein aus Lemberg stammender Reiseführer gegeben, der bemerkte, hier im Opernhaus würde unter den Zuschauern mehr Deutsch als Ukrainisch gesprochen – zwei Reihen hinter uns saß übrigens Larissa mit einer österreichischen Reisegruppe.
Die Kiewer Nationaloper
Wir wollten den nächsten, unseren 4. Tag, etwas ruhiger angehen lassen und machten morgens eine Flußfahrt auf dem Dnjepr. Die meisten dauern so 1 - 2 Stunden, aber es gibt auch deutlich längere. Auch eine Dnjeprfahrt ist nach meiner Ansicht ein Muß. Da die Temperaturen im Schatten häufig über 30 Grad lagen, entschlossen wir uns zu einem auf einer Dnjeprinsel liegenden ganz passablen Sandstrand zu laufen und schwimmen zu gehen. Mein Vater beendete das Strandleben nach 2 Stunden, aber ich genoß immer wieder die kühlende Wirkung des breiten und stolzen Flusses. Ich bildetet mir ein, daß er deutlich sauberer sei als die Neva, in der ich einmal vor 3 Jahren in St. Petersburg geschwommen war und dort immer das Gefühl hatte, über Wasserpflanzen hinzugleiten. Und wenn wir hier schon diese beiden Städte vergleichen: Das Panorama auf das am rechten Flussufer ansteigende „alte“ Kiew ist viel naturbetonter mit großen Waldflächen und wirkt dadurch freundlich, fast beschaulich, aber auch weniger weltstädtisch als der Blick von der Peter und Paul Festung auf das andere Neva-Ufer.
Kiew. Blick über den Dnepr
Aus der Beobachtung der unbekümmerten, fröhlichen , einfach Sonne, Wärme und die Strandatmosphäre genießenden Menschen wich dann auch eine anfänglich wohl doch vorhandene Verkrampftheit, Rucksack oder Ähnliches könnten einem entwendet werden. Ich hatte die Sachen zwar im Blick, entfernte mich dann aber - auch als ich allein war -immer wieder deutlich davon und möchte für unsere gesamte Reise feststellen, daß für uns als deutsche Touristen kein relevantes Sicherheitsrisiko besteht - sicher nicht mehr als in Manchester oder Marseille.
Im übrigen waren auch die von uns erwarteten innenpolitischen Auseinandersetzungen schlichtweg nicht erkennbar: keine Plakate, keine Versammlungen, keine demonstrativen Anhäufungen von „blau“ oder „orange“. Man sagte uns auch, die Ukrainer seien politikmüde geworden, und bei dem Treiben junger Leute in den Straßen der großen Städte und in den auch spätabends häufig vollbesetzten Cafes und Restaurants ist das auch verständlich.
Nach soviel Berührung mit dem Dnjepr sollte dann abends wieder ein " kulturelles Bad " stattfinden - ein Brahmskonzert in der Philharmonie, deren Besuch nicht nur wegen des Konzerts sondern auch wegen der Besucher, des anderen Ablaufs und auch des wunderschönen Raumes lohnt. Die Karten hatten wir schon vorher über Dreizackreisen zurücklegen lassen. Es zeigte sich aber erneut, daß auch an der Abendkasse noch genügend freie Plätze zu haben waren – bei sehr moderaten Preisen.
Am 5.Tag , unserem letzten in Kiew, besuchten wir das Museum über den „Großen Vaterländischen Krieg“ zu Füßen der Mutter Heimat, einer martialischen Statue, die mit hochgehaltenem Schwert auf den Dnjepr blickt. Da der Weg dorhin fast keinerlei hinweisende Zeichen enthielt, kam uns schon mal der Gedanke, ob ein Besuch dieses Museums überhaupt erwünscht sei.
Die Mutter Heimat- Statue in Kiew
Das Innere stellte sich als sprudelnde militärhistorische Quelle heraus, die vor allem geeignet war, den ukrainischen und russischen Nationalstolz zu nähren – mit eindeutigeren Aussagen des Siegers als man sie bei vergleichbaren Ehrenmalen - etwa im nordfranzösischen Caen - findet. Während sich bei uns im echten Kern einer didaktisch und museumspädagogisch ausgefeilten Ausstellung manchmal nur wenige, durchaus bedeutsame Exponate finden, wird man von der Macht, Vielzahl und Art des präsentierten Bild- und Kriegsmaterials geradezu erschlagen - leider aber auch hier nur ukrainische bzw. russische Bildunter-schriften, dafür aber auskunftswilliges Personal, dessen Freundlichkeit diesen Mangel ausglich.
Als zusätzliche Qualität dieses Museums – und nicht nur hier - fand man bestechend saubere Sanitäranlagen, die den Vergleich mit entsprechenden Orten bei uns nicht zu scheuen brauchen.
Fast zur Stunde unserer Abfahrt aus Kiew begann ein Elton John Konzert auf dem Majdan-Platz der Unabhängigkeit direkt vor unserem Hotel „Ukraina“. Wir mußten aber leider auf die erhoffte Konzertteilnahme verzichten, da uns im doppelten Sinne die Bahnfahrt mit dem Nachtzug bevorstand, der um 22 Uhr Kiew verließ und um 6 Uhr morgens Odessa erreichte und verheißungsvoll „Tschornomorjez“, also „Schwarzmeerzug“ hieß. Sorgen, insbesondere meiner daheimgebliebenen Familienmitglieder, ob diese Nachtfahrt denn auch ausreichend sicher sei, zerstreuten sich sofort bei der ersten Inaugenscheinnahme der wirklich geräumigen Kabine, die fast wie ein Safe mit einer Metalltür und großem Eisenhebel zu sichern war und dabei die in meiner Erinnerung vorhandenen deutschen Schlafwagen an Bequemlichkeit bei weitem übertraf: Der „Tschornomorjez“ bot uns immerhin Teppichboden und einen eigenen Fernseher.
Am Morgen des 6. Tages holte uns eine wiederum deutschsprachige Führerin aus unserem neuen Hotel in Odessa ab ( Hotel Mozart direkt gegenüber der Oper ). Diese hieß Marina und war wohl so um die vierzig. Anders als Larissa aus Kiew, die etwas wehmütig auf den ihr in Sowjetzeiten verliehenen Titel „Heldin der Arbeit“ (oder so ähnlich) verweisen konnte, gestaltete sie die Stadtrundfahrt weniger detailverliebt, aber auch effizienter.
Die berühmte Treppe aus dem Film
Verdiente Aufmerksamkeit erhielt der Wachwechsel, bei dem eine kleine Formation aus in Uniform gekleideten halbwüchsigen Jungen und Mädchen mit würdevoll-militärischem Schritt einander am Denkmal des Unbekannten Matrosen ablösten. Wiederum fand die Fahrt in einem höherklassigen Wagen deutschen Fabrikats statt, den man uns offenbar schuldig zu sein meinte. Auffällig im übrigen war auch in Odessa die Vielzahl wirklich teurer Luxusautos, die neben zahlreiche Kleinwagen überwiegend russischen Typs unterwegs waren - letztere nicht selten von heftigen Unfällen erkennbar gezeichnet.
Nachdem wir durch die ca 3stündige Führung einen guten Überblick über die Stadt erhalten hatten, deren antiker Name mit ihrem wahren Alter von nur zwei Jahrhunderten in scharfem Kontrast steht, war uns klar, daß wir zunächst die Stelle aufsuchen würden, von der man uns besonders abgeraten hatte: der " Privos ". Hier handelt es sich um einen riesigen Markt, z.T. unter Hallendächern, bei dem eben nicht auf das Gramm abgewogen und in mehrschichtige Plastikfolien eingewickelt wird. Man bekommt eine Salzgurke direkt aus dem Faß und die herrlichen fettgebackenen Piroschog. Tritt man einige Schritte zurück, ordnet sich das Kunterbunt: hier die Kräuterstände, dort Eier- und Obststände, an denen hiesige Melonen ihren Verzehr einforderten.
Auf dem Markt in Odessa
Und auch hier, selbst auf dem Bauernmarkt - eine Wartezeit wird von einer Marktfrau durchaus einmal mit einem Handygespräch überbrückt: Die ganze Ukraine telefoniert und zwar öffentlich: Alt und Jung, im Gehen, selbst auf den U-Bahntreppen von Kiew, während der Autofahrt und in den Cafes. Nur wir sind irgendwie mit unseren Handys nicht klargekommen und waren nicht in der Lage, auf diesem Wege zu kommunizieren - haben es aber im Nachhinein auch nie gebraucht.
Wer sich vorstellen kann, über den Privos zu gehen, wird keinerlei Schwierigkeiten mit diesem Land haben. Wer aber bauliche und auch sonstige Schwächen registriert und addiert, um immer wieder Sanierungsbedürftigkeit bestätigt zu sehen, findet in der Ukraine zwar dazu reichlich Gelegenheit, wird aber der „Mentalität“ der Ukrainer nicht gerecht werden – bitte, ich würde natürlich nicht für mich in Anspruch nehmen, die genau zu kennen, aber für diese Aussage reicht meine Kenntnis. Und wenn die ukrainische Mentalität der deutschen entspräche, befände ich mich jetzt nicht auf diesem herrlichen ein bißchen abenteuerlichen Urlaub.
Manchmal ist einfach ein bißchen Nachsicht nötig – und verdient das nicht ein in jeder Hinsicht junger Staat, der sich selbst erst finden muß? Bitte, sogar die Währung Griwna (richtigere Transkription wohl „Hryvnja“) ist jung: gerade eben mehr als zehn Jahre alt. Ehrlich, ich hatte bis vor einem halben Jahr noch nichts davon gehört und auch bisher in meinem näheren Bekanntenkreis, von denen man sicher einige dem „Bildungsbürgertum“ zurechnen kann, noch keinen gefunden, der die ukrainische Währung aktiv benennen konnte – immerhin zahlen 50 Millionen Europäer in Griwna. Hier muß der Ukrainer wohl etwas Nachsicht mit dem deutschen Bildungsbürger üben …
Noch immer am Tag der Ankunft mit dem Nachtzug Kiew / Odessa drohten wir bei staubtrockenen Straßen und Temperaturen bis nahe an die 40 Grad allmählich zu ermatten (wer hier Schwierigkeiten hat, lieber einen Monat vorher reisen). Da drangen wie erlösend von Ferne aus einer Parkanlage beschwingte Klänge von Blasmusik an unsere Ohren. Wir lauschten diesem Freiluftkonzert mit viel Freude und erfuhren, daß das Orchester im Sommer am Sonnabend- und Sonntagnachmittag auftritt.
Parkonzert im Herzen Odessas
Diesen langen und abwechslungsvollen Tag ließen wir mit einer Fahrt auf dem Schwarzen Meer ausklingen - mit der einbrechenden Dämmerung hatte uns der Zauber von Odessa gefangen.
Am folgenden 7. Tag, dem letzten vor unserer Abfahrt, besuchten wir das Museum für Volkskunde und Geschichte der Stadt Odessa und wurden hier von mitteilungsfreudigen Damen geführt, denen wir dankbar einen brandneu erschienenen, in ukrainischer Sprache gestalteten Museumsführer abkauften.
Anschließend fuhren wir mit einem der vielen für die Ukraine so typischen gelben Trolleys - etwa halb so groß wie ein Omnibus bei uns - nach „Arkadien“, um hier im Schwarzen Meer zu baden. Wer andere Promenaden kennt, wird in seinem Urteil angesichts des klangvollen Namens vielleicht etwas nüchtern sein - aber das Wasser war warm und herrlich und lud zum Verweilen ein. Am Abend besuchten wir noch die Philharmonie, größer und prachtvoller noch als die in Kiew, in der eine Art arabisch-ukrainisches Festival stattfand , welches wir uns vielleicht so nicht ausgesucht hätten - aber auch in Odessa wollten wir unbedingt ein Musiktheater besuchen, und die Oper, vor über 100 Jahren in nur 3 Jahren errichtet, ist nach ebenso langer Schließung wegen Reparatur leider immer noch nicht für Veranstaltungen geöffnet – Sie erinnern sich an den Satz über die Mentalitätsunterschiede?
Der letzte Abend endete in einem gut besuchten Straßenrestaurant bei reichhaltigem, wohlschmeckendem und relativ günstigem Essen.
Am nächsten Morgen, unserem letzten, dem 8. Tag, vor unserem Abflug setzte ich noch einmal meinen Wunsch um, in einem Buchgeschäft zu stöbern und kaufte hier auch eine Menge Klaviernoten. Die letzte Stunde gehörte dann der Potemkin-Treppe, die von oben deutlich weniger imposant als erwartet wirkt. - Hier wollte ich noch ein Stück Odessa als Bleistiftzeichnung festhalten – natürlich den filmbekannten Blick von unten.
Mit vollem Herzen verließen wir dann diese wunderschöne Stadt und unser Urlaubsland, das „Grenzland“, von dem ich vorher nur plakativ-nebulöse Vorstellungen hatte und das mich bestimmt wiedersehen wird!
Der Bahnhof von Odessa