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Mittwoch, 24. April 2019

Architektur Reiseführer in Kiew: die Epoche der grossen Baustile





Die Geschichte von den Städten spiegelt sich in den Baustilen ihrer Gebäude wider. Ein  Baustil ist die Herangehensweise an die Organisation des Raumes in Gebäuden - ob groß und öffentlich oder kleines Einzelgebäude. Er weist  die Fülle von Ansichten über das Leben, Schönheitsvorstellungen und verschiedenen Bedürfnissen einer Periode: sozialen, geistigen, alltäglichen. Je unterschiedlicher die Bedürfnisse sind, desto mehr Arten von Gebäuden, die sie erfüllen müssen.

Aber nicht immer ist die Reihenfolge der Stile leicht nachzuvollziehen: dort haben wir das mittelalterliche Viertel und hier Konstruktivismus. In Kiew, wie auch in den meisten europäischen Hauptstädten haben sich verschiedene Baustile vermischt und schufen ein wundervolles und einzigartiges Gewebe der Stadt. Sehen wir uns also an, was es gibt, und sortieren die Elemente, um uns nicht in der tausendjährigen Geschichte Kiews zu verlieren.

Statt Romanik

Während des Mittelalters erinnerte man sich in Westeuropa an die strukturelle Erfindungen der alten Römer - Kuppeln und Bögen, und schuf auf deren Erfahrungen basierend einen neues Stil, der in Erinnerung an die Ursprünge Romanik genannt wurde. Auch im Osten Europas, in Byzanz,  wurde das römische Erbe nie vergessen, jedoch entwickelte es sich nicht so stürmisch wie im Westen, eher ruhig und im Austausch mit mit Osteuropa und den Balkan. Die byzantinische kulturelle Expansion erlebte genau zu der Zeit einen Aufschwung, als im Westen die Romanik aufblühte.

In Kiew ist diese Periode in mehreren Innenräumen zu entdecken. Der erste und der wichtigste ist die Sophienkathedrale, gebaut 1037. Das Gebäude selbst möchten wir an dieser Stelle aussparen, da die byzantinischen Elemente heute in einem barocken Gewand verbergen.  Im Inneren jedoch sind sie ganz gut zu sehen: mächtige Stützen teilen den Raum in fünf Schiffe und zusammen mit den Bögen tragen sie ein System von Kuppeln - von klein über das Seitenschiff bis zum großen zentralen, bilden eine pyramidenförmige Zusammensetzung. Die zentrale Kuppel ruht auf dem dreieckigen Sockel  - so ist es den alten Architekten gelungen, vom quadratischen Unterbau  in den Kreis zu wechseln, der die Gestalt der Kuppel bestimmt. Das Interieur der Kirche, heute ein Symbol der ukrainischen Staatlichkeit, ist auch ein herausragendes Beispiel für die Synthese von Kunst, Architektur und Malerei. Buchstäblich Quadratkilometer von Mosaiken und Fresken schaffen ein Gefühl dessen, woran Byzanz geglaubt hat: die Kathedrale ist der Himmel auf Erden.





Fotorechte für alle Fotos: Marc Trebukhov

Noch so ein Wunder ist die gut erhaltene Dreifaltigkeitskirche im Kiewer Höhlenkloster (Petcherska Lawra), zu Beginn des 12. Jh. als Torkirche ins Kloster errichtet. Zwar ist sie heute nicht nur von außen verändert, hat der lustige ukrainische Barock den byzantinischen Charakter des Gebäudes  mit viel Barockmalerei auch im Inneren der Dreifaltigkeitskirche in nichtbyzantinischen verwandelt. Aber in die kleine Kirche, in der vier massive Säulen eine filigrane Kuppel halten, lohnt sich unbedingt reinzuschauen.







Die zauberhafte Kyrill- Kirche stammt auch noch aus vormongolischen Zeiten - nach 1150, als sie im Auftrag von Fürstin Marie Mstyslawiwna gebaut wurde. Die Kirche mit der großen zentralen Kuppel wurde zur Grabstätte von Chernigiwer Dynastie, zu der Maria selbst gehörte.

Dazu ist die Kyrillkirche eine echte Enzyklopädie der Monumentalmalerei: neben Fresken aus dem 12. Jahrhundert, die sorgsam freigelegt wurden, finden sich Gemälde des 17. und 19. Jahrhunderts. Zuletzt nicht als „grobe Erneuerung“, wie es sonst oft in Kirchen passierte, sondern mit den vollendeten Werken so namhafter Künstler wie Michail Wrubel, Ivan Jishakewich und Mykola Pymonenko.






In der Ukraine stehen heute nur noch wenige Gebäude aus der vormongolischen Ära, von denen auch meist nur Fragmente des urspünglichen Baus übrigblieben. Dazu gehören die Berestow   Erlöserkirche neben dem Höhlenkloster in Kiew und der St.Michaelskirche des Wydubizkij Klosters.
Sowohl dort als auch bei den anderen Kirchen ist der östliche Teil der Gebäude aus vormongolischen Zeiten erhalten geblieben, der Rest muss dem Barock zugerechnet werden.



Auch das Goldene Tor im Herzen Kiews könnte man dem byzantinischen Baustil zuordnen, allein, es ist eine Replik des Orginals von 1024, das zur 1500- Jahrfeier  Kiews 1982 auf den Grundmauern des alten Goldenen Tors errichtet wurde.

Gotik & Renaissance

Als in Italien die wunderschönen Renaissancepaläste errichtet wurden und vom Reichtum der Medici und anderer kündeten, hatte Kiew seine besten Zeiten längst hinter sich und dämmerte in der russischen Provinz, in der viel mit Holz gebaut wurde. Deshalb sind in Kiew aus der Gotik und der Renaissance keine Gebäude erhalten.

Barock
Kiew kann man sicher eine Barockstadt nennen, denn damit ist die ukrainische Hauptstadt mehr als gesegnet. Fast alle Klöster in Kiew wurden in der ukrainischen Variante des Barock errichtet oder umgebaut, die meisten Kirchen auch.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts, nach Jahrzehnten der Zerstörung und Verheerungen, befand sich kiew unter dem Einfluß des Hetmanats, des Kosakenstaats.  Die Hetmänner dieses Kosakenstaates gaben den Baumeistern die Aufträge für die Neuerrichtung und Renovierung der Kirchen und Paläste Kiews. Aus dieser Zeit wird der ukrainische Barock oft als „Kosakenbarock“ oder „Mazepabarock“ genannt. Unter Hetman Stepan Mazepa erreichte der Barock seine Blüte und wurde in seiner Entwicklung von ihm entscheidend angeschoben.






Das Kiewer Höhlenkloster und das Wydubytchi- Kloster, die Sophienkathedrale  und die Christi Himmelfahrts Kirche im Stadtteil Podil zeigen mal besser, mal schlechter erhaltene Barockmerkmale, sowohl einzeln, als auch in Ensemblen. Das Ensemble barocker Elemente ist sehr wichtig, weil dieser Stil optische Illusionen und visuelle “Spezialeffekte“ liebt. Alle diese Wellenkirchenformen, üppige Giebel, reichprofilierte Pilaster und Gesimse, prächtige Stuckaturen im Innenraum und an den Außenfassaden, das besondere Spiel des Lichts an den gebogenen weißen Wänden, das alles sollte den ehrfürchtigen Betrachter aus denvertrauten Koordinaten, irdischen Maßstäben und der Begrifflichkeit von „weit“ und „nah“ entfernen, ihn überraschen und verwirren, einen überirdischen Eindruck hinterlassen. Und wo es gelungen ist, solche Gebäudeensembles zu errichten und zu kombinieren, da kann der ukrainische Barock in Kiew die ihm eigene Theatralik voll entfalten.

Aber nicht nur die Kosaken investierten in die Kiewer Bauten. An den Wänden der Sankt Georgs Kathedrale ( 1696-1701) des Wydubizkijklosters erblicken wir den Wappen ihres Stifters, Führers der Staroduber Polk und Beraters Mazepas, Mychajlo Myklaschewskyj. Die Sankt Elias Kirche im Kiewer Stadtteil Podil wurde 1692 aus Geldern der Kiewer Familie Hudym errichtet und 1755 auf Kosten des Kiewer Hundertschaftsführers Mychailo Hudym umgebaut. Monumentalen Barockbauten wie diese beiden bleiben bis heute wichtige städtebauliche Dominanten, sie bilden das “klassische Bild“ der ukrainischen Hauptstadt, das heute unter dem Druck des modernistischen Baubooms an Kontur verliert.







Nicht nur die monumantalen Schätze des Barocks können in Kiew bewundert werden, auch in viele kleinere amtsgebäude und Wphnhäuser fand der barock Eingang. Natürlich zerstörten Feuersbrunste und Kriege viel von der einstigen Pracht, ein reich verziertes Bürgerhaus ist jedoch vollständig erhalten geblieben. Der zweistöckige Minipalast vom Ende des 18. Jahrhunderts ist aufwendig mit Stuck dekoriert und verfügt über eine gemütliche Loggia über dem Eingang. Der Palast wird manchmal fälschlicherweise als das „Haus von Peter I.“genannt, aber die Geschichte um den  Aufenthalt des Zaren auf Podol gehört ins Reich der zahllosen Legenden, die im 19. Jahrhundert im russischen Imperium anlässlich der Siegesfeier nach der Schlacht von Poltawa in Umlauf gebracht wurde.


Dazu gibt in Kiew auch zahlreiche weitere Barockpaläste, davon nicht verwunderlich viele im Besitz der Kirche. Der Klow Palast, von Stepan Kownir und Gottfried Johann Schädel zwischen 1752 und 1756 in ziemlich moderaten Formen gebaut, wurde ursprünglich im Auftrag des Kiewer Höhlenklosters für besondere Pilger, die russischen Zarenfamilie, bestimmt und berherbergte später die Kirchendruckerei. Heute ist der Klow Palast Sitz des obersten Gerichtshof der Ukraine.

Der Palast des  Metropoliten auf der Gelände des Sankt Sophien Klosters ist Barock in seiner ganzen Pracht. Der Bau wurde von 1722 bis 1757 in mehreren Stufen er- und umgebaut,  er schmeichelt dem Auge des Betrachters mit einem beeindruckenden dreistöckigen Giebel, Türmchen und Pilastern.
Ganz in der Nähe des Metropolitenpalastes, auf der kaum besuchten Rückseite des Klosters,  befindet sich ein ikonische Beispiel ukrainischer Barockarchitektur. Es handelt sich um das Raphael Zaborowsky Tor aus dem Jahre 1746. Es wurde nach seinem Auftraggeber benanntpräsentiert uns ukrainischen Barock in konzentrierter Form: Pilaster, Halbsäulen, wellige Giebel, profiliertes Gesims, Stukkatur mit Blättern, Blumen, Maskarons und Wappen.








Rokoko

Vom Rokoko sind in Kiew nicht viele Gebäude übriggeblieben, das Meiste hat der Zahn der Zeit verschlungen. Was jedoch heute noch steht, ist exemplarisch für den Stilnachfolger des Barock, baut auf ihm auf und entwickelt doch mit übervollem und detaillierten Dekors und Verzierungen sein eigenes unverwechselbares Gesicht in Innenräumen, an Möbelstücken und einigen Fassaden Kiews.

Der Beginn des Rokoko kann auf die Regentschaft Zarin Elisabeth datiert werden. Zu dieser Zeit pflegte die Dame eine heftige Liebschaft mit dem Kosakensohn Oleksa Rozum, den diese Liaison schon in den Titel des Grafen Razumowskij gehoben hatte. So groß war das Verzehren der Zarin nach ihrem Kosaken, dass Sie für längere Aufenthalte die Errichtung eines Palastes und einer Kirche befahl. Und so wurde 1747-1753 die Sankt Andreas Kirche gebaut, nach Plänen des Sankt Petersburger, italienischstämmigen Architekten Bartolomeo Rastrelli wurde gebaut. Rastrelli selbst hielt es nicht für nötig, das Projekt in Kiew zu betreuen.

Der Innenraum der Kiewer Sankt Andreas Kirche ist über und über mit Stuck, Vergoldungen und einem riesigen rotgoldenen Ikonostase  gesegnet, sie wird wird oft mit der Pracht im nahegelegenen Mariinskipalast verglichen und die Silouette der Andreas Kirche prägt die Kiewer Skyline.






Auch der Mariinskij Palast hoch auf den Hügeln über den Dnjepr ist ein Prachtstück des Rokoko. Auch hier spielte Rastrelli als Architekt und Planer eine große Rolle, doch wurde der Palast während des Baus und nach anschließenden Bränden von lokalen Architekten, darunter Ivan Hryhorovich Barskyj,  teilweise umgeplant und gaben dem Mariinski Palast ganz eigene Stilmerkmale mit, die man heute als ukrainischen Rokoko bezeichnen könnte. Als er nach den Namen seiner letzten Besitzerin, der Zarin Maria Fjodorowna Mariinskij benannt wurde, änderte sich am Palast ab Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr.

Klassizismus

Der Klassizismus stellt den letzten Baustil aus der sogenannten „Ära der großen Stile“. Da er sich in der Ukraine sehr nah an der kommenden Periode seiner Imitation befindet, ist es teilweise schwer,  eine Abgrenzung zwischen dem wahren Klassizismus und dem Neoklassizismus izu finden.
Auf dieser Grenze balanciert die Stilperle der Sankt Wolodymyr Universität,heute die Taras Schewtschenko Universität. In dem Gebäude, nach dem Entwurf von Innocence Beretti 1837-43 gebaut, spiegelt sich der klassische, ideologische Slogan des Klassizismus - ruhige Pracht, die sich selbst genügt – meisterhaft wider. Was die formale Eigenschaften anbetrifft, basiert der Klassizismus ja auf geprüften Mustern der Antike und der Renaissance, das bedeutet Säulen, Portikusse, Nachahmungsteine, die an den Ecken des Gebäuden herausragten, Schlusssteine, charakteristische Umrahmung der Fenster war den beiden Vorgängerstilen entlehnt und reichlich verwendet.





Beeindruckend ist die strenge Symmetrie mit Hauptakzent auf die Mitte des Gebäudes, an der der Universitätsbau höher ist und Höhe für einen imposanten Haupteingang schafft, auf den beiden Seiten schließen sich niedrigere Flügel an. Dazu wirken raffinierte Proportionen der einzelnen Elemente, überrascht das Verhältnis der einzelnen Teile zum Ganzen des Baus. In Inneren des Baus dominieren prächtige Wandgemälde; dazu wird die diese klassizistische Rafinesse durch grelle Farben in Kontrast zu Fenstern, Geländern und  Säule in weißer Farbe unterstrichen.

Ähnlich außergewöhnlich ist auch die von Beretti konzipierte Außenfassade, die er komplett rot einfärben ließ, wobei jedoch Basen und Kapitäler des Dachs und der Säulen, die nicht aus Stein, sondern Eisen geformt wurden, unbehandelt schwarz blieben und damit einen interessanten Kontrapunkt in der Fassade setzen. Die Farben des Baus gehen zurück auf den Orden des Heiligen Wladimir, der im 18. Jahrhundert von Zarin Katharina II. in Erinnerung an den Reichsgründer Wolodymyr I., Fürst der Kiewer Rus gestiftet wurde.

Der einducksvollste Vertreter dees Klassizismus in Kiew ist das Haus der Kontrakte im Kiewer Stadtteil Podil, dem einstigen Hafen- und Handelsviertel. Dieses Handelszentrum wird 1815 nach dem Entwurf von Wilhelm Heste gebaut und wirkt schon durch seine schieren Ausmaße solide und respekteinflössend, wie es sich ehrbare Kaufleute von Handelspartnern erwarteten. Ein weiteres lohnenswertes Besichtigungsziel ist die malerisch in die Parklandschaft auf den Dnjeprhügeln eingebettete orthodoxe Sankt- Nikolaus- Kirche –Rotonde, ein Kleinod des Klassizismus, 1809 gebaut nach den Plänen des Architekten  von Andriy Melenskyj. Sie schlummert zu Füssen des Grabes des Warägerfürsten Askold, eines der Gründer Kiews.




Dass Klassizismus nicht nur majestätisch, sondern auch privat- gemütlich daherkommen konnte, das spiegelt sich in einigen Kiewer Wohngebäuden wieder. In Kiew gibt es einige kleine, vor allem Bürgerhäuser (die Stadt bestand bis zum Zweiten Weltkrieg fast nur aus den Bürgerhäusern). Es könnte noch mehr sein, aber im Jahre 1960-70 fielen viele alte Gebäude dem sowjetischen Drang nach Moderne zu Opfer. Was übrig geblieben ist, ist sehr charakteristisch und pittoresk.

Einen Spaziergang dazu würden wir in der Spasski- Straße beginnen. Das Haus 16 b ( heute ist hier das Hetman- Museum untergebracht) ist allgemein ein Barockbau, an dem jedoch nachträglich ein Giebel mit zwei ionischen Säulen unter dem Dach im klassizistischen Spitzdekor angebaut; so entstand ein Übergangstyp vom Barock zu Klassizismus. Der Barockteil wurde von der angesehenen Familie Sichewskyj gebaut (zu denen einige Generationen Magistrate und Priester gehörten). In einem verheerenden Feuer im Jahr 1811 verbrannte das Dach und gab dem nunmehrigen Besitzer, dem Kaufmann Iwan Pokrowsky die Möglichkeit, klassizistische Elemente in den Bau zu ergänzen.

Etwas verdeckt findet sich in der Spasski Straße 10 ein weiterer Vertreter des Klassizismus, leider wird das hübsche einstöckige Haus vom Schatten der Terrasse eines Restaurants fast völlig verdeckt.
Ein sehr typischer Herrenhaus befindet sich in der Moskovska Straße 40: aus Holz genaut, mit einem Säulengang aus ionischen Säulen zur Straße, zwischen denen sich auf der zweiten Etage eine gemütliche Ballustrade mit dem Balkon befindet. Derzeit ist hier das Museum der ukrainischen Diaspora eingerichtet.




Die wohl interessanteste Spur des Klassizismus in Kiew findet sich kaum bemerkt in ungewöhnlicher Form: es handelt sich um eine Säule nach dem Entwurf von Andrij Melenskyj, die 1802 - 1808 über dem  Dnipro zu Ehren der Rückkehrs des Magdeburger Rechts nach Kiew gebaut wurde. Natürlich war dieses „Magdeburger Recht“, wie überall im Russischen Zarenreich, nicht vergleichbar mit den mittelalterlichen Regeln der städtischen Selbstverwaltung. Aber das ist schon eine andere Geschichte…

Montag, 18. Juni 2018

22 Top interessante Fakten über Kiew


Die ukrainische Hauptstadt hat neben den all den einzigartigen Sehenswürdigkeiten aus über 1000 Jahren Geschichte natürlich auch etliche Superlative vorzuweisen, die wir Ihnen hier für Ihre nächste Kiew Städtereise ans Herz legen.

Am Kreschatyk
Die längste Straße ist der Prospekt Brovarskyj, Länge ca. 14 km.
Die kürzeste Straße heißt Ingenieursgasse  (in der Nähe von  Arsenalna Platz), die Länge ist weniger als 50 Meter, dort befinden sich nur drei Gebäude.
Die älteste Straße von Kiew  ist die Wladimir Straße, sie ist mehr als tausend Jahre alt.
Die breiteste Straße ist Kreschtschatyk, 75 Meter von Haus zu Haus.
Die schmalste Straße heißt die Georgsgasse, wo die Breite der Fahrbahn nur 5,4 Meter ist.

Der älteste Baum Kiews ist eine Eiche in der Osipovska Straße, die nach dem deutschstämmigen Gartenbaumeister Wilhelm Christer benannt wurde, der in Kiew im 19. Jh. eine Baumschule und Gartenbauschule betrieb. Nach Jahresringen  hat die Eiche ein Alter von 600 bis 700 Jahren.
Das am dichtesten besiedelte Gebiet ist der Desnjanskyj Bezirk (Rayon), es wird von etwa 354.500 Menschen bewohnt.
Das am wenigsten besiedelte Gebiet ist der Bezirk Petschersk, dort gibt es etwa 139.000 Menschen.
Die tiefste U-Bahn-Station in Kiew ist "Arsenalna", die Tiefe ist 105 Meter, eine der tiefsten der Welt.
Die schönste Station des Kiewer Metro ist "Goldenes Tor", eine der zehn schönsten U-Bahnen der Welt.

Auf der Rolltreppe der Kiewer Metro.

Das höchste Gebäude ist  Fernsehturm, erbaut im Jahr 1973, mit einer Höhe von 380 m.
Der höchste Punkt  in Bezug auf den Dnepr ist der Ruhmesplatz, 200 m hoch über dem Fluß.
Das beliebteste Souvenir aus Kiew ist „die Kiewer Torte“, die seit 1956 produziert wird und deren markantestes Merkmal der hohe Zuckergehalt ist.
Die größte Institution ist die nationale technische Universität der Ukraine, das "Kiewer Polytechnische Institut" mit etwa 42.000 Studenten und einer Gesamtbelegschaft von mehr als 50.000 Menschen.
Das am meisten besuchte Museum der ukrainischen Hauptstadt ist das Nationale historisch - kulturelle Reservat "Kiewer Höhlenkloster". Es wird von etwa einer Million Touristen pro Jahr bestaunt.

Im Kiewer Höhlenkloster
Das älteste Denkmal ist das Monument an die Verleihung des Magdeburger Rechts (es gibt auch einen anderen ungenauen Namen: "Denkmal der Taufe des Landes"); es wurde in den Jahren 1802-1808 vom  Architekten Melensky errichtet.
Das höchste Denkmal ist die Skulptur "Mutter Heimat" des Bildhauers - W. Boroday, die Höhe beträgt 102 m, Das Monument wurde 1981 errichtet; es ist eine der fünf höchsten Statuen der Welt.
Die größte Wohnsiedlung ist der Bezirk Trojestschina (240.000 Personen), der nach der Tschernobyl- Katastrophe ab 1986 für die umzusiedelnden Familien errichtet wurde.
Die größte Industrieunternehmen von Kiew ist das "Aviant" Werk, das die bekanntesten  Flugzeuge der Marke Antonow produziert. Legendär ist die AN225 "Mriya".
Die längste ÖPNV- Route ist die Straßenbahn Nummer 12 (von Kontraktowa Platz bis zu  Puschtscha Wodiya), ihre Länge beträgt ca. 20 km.

Mutter Heimat Statue
Der kürzeste Transportroute Kiews ist die Standseilbahn mit einer Länge von 222 m.
Der größte Park Kiews trägt den Namen von Pylskyj und belegt eine Fläche von etwa 150 Hektar.

Talstation der Kiewer Standseilbahn



Sonntag, 1. Juli 2007

Reise nach Kiew und Odessa. Ein Reisebericht über eine Ukraine Reise

Kiew - Die Mutter der Rus
Am Anfang stand für uns die Frage, ob die Ukraine, deren wenig sagende Übersetzung „Grenzland“ lautet, ein lohnendes Reiseziel ist. Was gibt es zu entdecken? Was bestimmte unsere Interessen?
Zunächst einmal wollten wir einen weißen Fleck auf unserer touristischen Landkarte von Europa mit Eindrücken füllen, zumal die Ukraine ja hinsichtlich Fläche, Bevölkerung und auch Kultur ein politisches Schwergewicht unseres Kontinents darstellt. Die weitaus häufiger von Deutschen bereisten Ziele Ägypten, Mexiko und Australien kennen wir zwar auch nicht, sind aber der Ansicht, daß zunächst einmal der Bereich "vor der Haustür" erkundet werden sollte.
"Wir" - das sind in diesem Fall Vater ( fast 70 Jahre, aber zum Glück sehr rüstig ) und Sohn. Familiäre Wurzeln finden sich durchaus "im Osten", aber an anderer Stelle - in Schlesien, welches heute polnisch ist. Der Großvater ist 1941 vor Leningrad gefallen, durchquerte aber auf dem Marsch dorthin heute eher Weißrussland zuzurechnende Gebiete. Aus diesem Grunde hatten wir auch schon St Petersburg bereist, kannten überdies die baltischen Staaten.
Mein Vater war Soldat bei der Bundeswehr, überwiegend in Schleswig-Holstein, und damit war bis in mein Erwachsenenalter klar, daß familiäre Entdeckungsreisen niemals hinter den "Eisernen Vorhang" gehen würden. Daß diese "verbotene Zone" so plötzlich und selbstverständlich eines Tages für Urlaubsreisen offenstehen würde, ist für mich noch immer ein Wunder und hat meine Wahrnehmung politischer Vorgänge wesentlich verändert. Es schwingt also schon ein bißchen rational wohl nicht ganz erklärbares Interesse "für den Osten Europas" mit. Ausdruck davon sind auch bescheidene, aber auf unserer Ukrainereise sehr hilfreiche Kenntnisse der russischen Sprache.
Unsere Vorbereitungen der Reise bekamen dadurch noch etwas Würze, daß wenige Wochen zuvor, im April und Mai 2007, in der Ukraine Machtfragen noch einmal sehr offen gestellt wurden und dem Lande neuerliche Instabilität drohte - jedenfalls rechneten wir schon mit innerukrainischen Auseinandersetzungen.
Brauchbare Literatur zur Planung der Reise war schwieriger zu erhalten, als ich erwartet hatte, auch wenn man berücksichtigt, daß es sich nicht um ein touristisches Massenziel wie die Provence oder die masurischen Seen handelt. Hier möchte ich besonders ein Buch mit dem etwas provozierenden Titel "Kulturschock Ukraine" (Reise know how-Verlag) hervorheben, welches mit viel Einfühlungsvermögen und auf der Höhe der Zeit den bunten Hintergrund der ukrainischen Vergangenheit und die Vielgestaltigkeit der ukrainischen Gegenwart beleuchtet. Eine Schwäche dieses Buches sind die Darstellungen der großen Städte. Hier ist man wohl am besten beraten, vor Ort einen bildreichen Führer in deutscher Sprache zu besorgen. Dringend empfehle ich überdies, sich mit dem kyrillischen Alphabet vertraut zu machen – Vieles, gerade im öffentlichen Bereich, läßt sich dann ohne weiteres übertragen und verstehen.
In unserem Fall konzentrierte sich die Reise auf die Städte Kiew und Odessa, die größte und die kleinste der immerhin fünf ukrainischen Millionenstädte (neben Charkow, Dnjepropetrowsk und Donezk). Entsprechend ihrem zu erwartenden touristischen Gewicht hatten wir dabei der Hauptstadt fünf und der „Schwarzmeerperle“ drei Tage zugemessen, eine Lösung, die auf die uns zur Verfügung stehende Zeit von insgesamt acht Tagen zurückzuführen war. Hätten wir länger bleiben können, wäre sicher der „Klassiker“ einer etwa 2 wöchigen Dnjepr-Schiffsfahrt von Kiew nach Odessa in Betracht gekommen. Aber kaum wohl hätte uns auf einem solchen Flußkreuzschiff so viel quirliges und mitreißendes Großstadtleben erreicht wie bei unserer Variante, die 600 km mit der Bahn zurückzulegen.
Dankbar sind wir dem im Internet aufgestöberten Reisebüroteam von Dreizackreisen um Herrn Alexander Jolivet, mit dem ich im Vorfeld zahlreiche Telefonate geführt habe und der geduldig spezielle Wünsche unserer Reiseplanung aufnahm. Wir legten dabei besonderen Wert auf die für uns angemessene Mischung aus vorgeplanter und individueller Gestaltung : Wir verstehen darunter die geführte Pflichttour durch die wesentlichen Kirchen, aber bitte auch Besuch der wichtigen Theater und unbedingt das Baden im Dnjepr sowie im Schwarzen Meer ….
1.Tag
Unser Ausgangsflughafen war Hamburg, und die bequemen Maschinen der ungarischen Fluglinie Malev trugen uns per Gabelflug mit Zwischenlandung in Budapest nach Kiew bzw. am Reiseende von Odessa zurück in Deutschlands Norden. Nach Abholung am Flughafen von Kiew durch die ortsansässige Reiseleitung bezogen wir zunächst Quartier im Hotel „Ukraina“. Bis vor wenigen Jahren hatte es noch Hotel „Moskau“ geheißen, und in der Tat entfalteten sich in ihm Reste des rustikalen Sowjet-Charmes. Jedenfalls lag unser Hotel Ukraina/Moskau ideal im Zentrum der Stadt, direkt am Majdan, dem Platz der Orangenen Revolution 2004. Zahlreiche Unterführungen im Bereich des Majdan erlauben einem die Überquerung teilweise extrem befahrener Straßen, so auch des nah gelegenen Chreschtschatyk, der wichtigsten Einkaufstraße Kiews.
An diesem ersten Abend folgten wir einer kulinarischen Empfehlung, der wohl eine Einschätzung von uns zu Grunde lag, wir brauchten um uns Folklore und überbordende Dekoration. So landeten wir auf einem zum Restaurant umgebauten Dnjepr-Schiff, aßen zwar gut, aber auch zu stolzen Preisen und beschlossen fortan, uns eher auf unseren eigenen gastronomischen Instinkt zu verlassen, was wir während der Reise nicht bereut haben.
Der Unabhängigkeitsplatz im Herzen Kiews
2. Tag
Im Mittelpunkt dieses Tages stand die von Dreizackreisen angebotene deutschsprachige Stadtführung. Wir wurden von Larissa empfangen, die uns gleich eine Tour über 5 Stunden ankündigte. In der beleibten Larissa verbanden sich berufliche Professionalität, Selbstironie, starke Wurzeln in der sowjetischen Vergangenheit und Mutterwitz zu einer interessanten Persönlichkeit, die es verstand, das touristische Pflichtprogramm mit Anekdoten eingängig zu gestalten:
Der Schwerpunkt der Tour lag auf den wichtigen Kirchenbauten Kiews, auf die ich mich in meiner Darstellung beschränken möchte. Dies waren in der Reihenfolge ihrer Besichtigung: Das St- Michaelskloster, aus dem 12. Jahrhundert, unter Stalin 1937 abgerissen und jüngst wiedererbaut – ein gewaltiges Zeugnis des Aufbauwillens, welches in unserem Lande nicht ausreichend beachte wurde. Dann die am Kiewer „Montmartre“, dem Andreashang, gelegene 1750 von Rastrelli erbaute Andreaskirche. Schließlich die „Mutter der Russischen Kirchen“, die Sophienkathedrale aus dem Jahre 1020. Fast neu dagegen die Wladimirkathedrale, erbaut 1861-1862. Und zum Abschluß das Höhlenkloster Petscherskaja Lawra aus dem Jahre 1051, in dem u.a. die Nestorchronik entstanden war. Nach so viel vergoldeten Kuppeln, Ikonen und einer für einen Protestanten aus dem Norden beeindruckenden gelebten Gläubigkeit fiel der Übergang in den hektischen Kiewer Geschäftsalltag schwer – wir erleichterten uns dies mit einem Becher Kwas – einem typischen ukrainischen Getränk, das mich an verdünntes Malzbier erinnert und an der Straße direkt aus großen gekühlten Kanistern gezapft wird.
Das Höhlenkloster in Kiew
Am 3. Tag wollten wir einen " Ausflug auf`s Land " machen. Die Idee, sich hier in einen Eisenbahnzug am Zentralbahnhof zu setzen, ca. 100 Kilometer hinauszufahren und dann am späten Nachmittag dieselbe Strecke wieder zurück, scheiterte nicht zuletzt an einer leider sehr unfreundlichen Fahrkartenverkäuferin im Kiewer Bahnhof. Hier hätten wir uns gewünscht, daß zumindest ein Informationsstand in englischer Sprache zur Verfügung gestanden hätte - es handelt sich bei Kiew ja nicht um eine Stadt in der Größe von Köln: angegeben wird als Bevölkerung häufig 2.5 Millionen , während mehrere Führer uns unabhängig mitteilten, daß Kiew bereit über 4 Millionen Einwohner habe, so daß wir schon eher mit Berlin vergleichen müssten. Fehlendes sprachliches Entgegenkommen an offiziellen Stellen findet man aber leider auch in den großen Museen dieser Stadt, ebenso wie in Odessa. – Hier wird offensichtlich gedankenlos touristisches Potenzial verschenkt; denn die Ukrainer, welche sich um die englische oder deutsche Sprache bemühen, sprechen diese mit angenehmem Akzent und recht verständlich. Andererseits wollen wir nicht die Großzügigkeit dieses Staates vergessen, der uns – als einseitige Vorleistung – unproblematisch ohne Visum einreisen läßt (wer sich einmal um die Einreise nach Weißrußland bemüht hat, weiß dieses Entgegenkommen wohl zu schätzen).
Wir müssen also ziemlich hilflos am Kiewer Bahnhof dagestanden haben, bis uns ein Taxifahrer ansprach und uns anbot, für 200 Dollar den ganzen Tag umherzufahren. Diesen Preis wollte ich so nicht akzeptieren, und das war auch gut so. Benötigen Sie ein Taxi, lassen sie dies am besten durch das Hotel rufen. Die Rezeption vereinbart auf Wunsch dann auch gleich eine akzeptable Obergrenze für die Beförderung.
Auf Anregung eines Reiseprospektes hatten wir uns die ca. 100 Kilometer nordöstlich von Kiew liegende Stadt Nizhyn (ca 100.000 Einwohner) für die Exkursion aufs Land ausgesucht. Die Fahrt dorthin führte auf einer bemerkenswert guten autobahnähnlichen Straße durch ein uniformes Panorama weiter Feldflächen. Im Ort selbst entfaltete sich - gemessen an meinen Erwartungen - ein buntes und keinesfalls sehr rückständiges Leben: viele in Renovierung befindliche Kirchen, Marktatmosphäre, Geschäfte, die von DVDs, Handys und Sonnenbrillen bis hin zu raffinierter Schuhware alles anbieten – und Menschen, die irgendwie zufrieden wirkten. Auch hier auf dem Lande hatte die Schmelze aus Nordmannen, Slawen, Tataren und Schwarzmeeranrainern viele Menschen mit kaum übersehbar gefälligem Äußeren hervorgebracht - häufig unterstrichen von sehr modischer Kleidung.
Unser Fazit, als wir am späten Nachmittag wieder in Kiew ankamen: Es muss nicht Nizhyn sein, aber der Ausflug " auf das Land " gehörte auf jeden Fall dazu.
Abends sahen wir dann in der Kiewer Oper das Ballett Carmen sowie Sheherezade von Rimsky-Korsakow und waren nach diesem Programm ziemlich müde. Zu denken hat mir ein aus Lemberg stammender Reiseführer gegeben, der bemerkte, hier im Opernhaus würde unter den Zuschauern mehr Deutsch als Ukrainisch gesprochen – zwei Reihen hinter uns saß übrigens Larissa mit einer österreichischen Reisegruppe.
Die Kiewer Nationaloper
Wir wollten den nächsten, unseren 4. Tag, etwas ruhiger angehen lassen und machten morgens eine Flußfahrt auf dem Dnjepr. Die meisten dauern so 1 - 2 Stunden, aber es gibt auch deutlich längere. Auch eine Dnjeprfahrt ist nach meiner Ansicht ein Muß. Da die Temperaturen im Schatten häufig über 30 Grad lagen, entschlossen wir uns zu einem auf einer Dnjeprinsel liegenden ganz passablen Sandstrand zu laufen und schwimmen zu gehen. Mein Vater beendete das Strandleben nach 2 Stunden, aber ich genoß immer wieder die kühlende Wirkung des breiten und stolzen Flusses. Ich bildetet mir ein, daß er deutlich sauberer sei als die Neva, in der ich einmal vor 3 Jahren in St. Petersburg geschwommen war und dort immer das Gefühl hatte, über Wasserpflanzen hinzugleiten. Und wenn wir hier schon diese beiden Städte vergleichen: Das Panorama auf das am rechten Flussufer ansteigende „alte“ Kiew ist viel naturbetonter mit großen Waldflächen und wirkt dadurch freundlich, fast beschaulich, aber auch weniger weltstädtisch als der Blick von der Peter und Paul Festung auf das andere Neva-Ufer.
Kiew. Blick über den Dnepr
Aus der Beobachtung der unbekümmerten, fröhlichen , einfach Sonne, Wärme und die Strandatmosphäre genießenden Menschen wich dann auch eine anfänglich wohl doch vorhandene Verkrampftheit, Rucksack oder Ähnliches könnten einem entwendet werden. Ich hatte die Sachen zwar im Blick, entfernte mich dann aber - auch als ich allein war -immer wieder deutlich davon und möchte für unsere gesamte Reise feststellen, daß für uns als deutsche Touristen kein relevantes Sicherheitsrisiko besteht - sicher nicht mehr als in Manchester oder Marseille.
Im übrigen waren auch die von uns erwarteten innenpolitischen Auseinandersetzungen schlichtweg nicht erkennbar: keine Plakate, keine Versammlungen, keine demonstrativen Anhäufungen von „blau“ oder „orange“. Man sagte uns auch, die Ukrainer seien politikmüde geworden, und bei dem Treiben junger Leute in den Straßen der großen Städte und in den auch spätabends häufig vollbesetzten Cafes und Restaurants ist das auch verständlich.
Nach soviel Berührung mit dem Dnjepr sollte dann abends wieder ein " kulturelles Bad " stattfinden - ein Brahmskonzert in der Philharmonie, deren Besuch nicht nur wegen des Konzerts sondern auch wegen der Besucher, des anderen Ablaufs und auch des wunderschönen Raumes lohnt. Die Karten hatten wir schon vorher über Dreizackreisen zurücklegen lassen. Es zeigte sich aber erneut, daß auch an der Abendkasse noch genügend freie Plätze zu haben waren – bei sehr moderaten Preisen.
Am 5.Tag , unserem letzten in Kiew, besuchten wir das Museum über den „Großen Vaterländischen Krieg“ zu Füßen der Mutter Heimat, einer martialischen Statue, die mit hochgehaltenem Schwert auf den Dnjepr blickt. Da der Weg dorhin fast keinerlei hinweisende Zeichen enthielt, kam uns schon mal der Gedanke, ob ein Besuch dieses Museums überhaupt erwünscht sei.
Die Mutter Heimat- Statue in Kiew
Das Innere stellte sich als sprudelnde militärhistorische Quelle heraus, die vor allem geeignet war, den ukrainischen und russischen Nationalstolz zu nähren – mit eindeutigeren Aussagen des Siegers als man sie bei vergleichbaren Ehrenmalen - etwa im nordfranzösischen Caen - findet. Während sich bei uns im echten Kern einer didaktisch und museumspädagogisch ausgefeilten Ausstellung manchmal nur wenige, durchaus bedeutsame Exponate finden, wird man von der Macht, Vielzahl und Art des präsentierten Bild- und Kriegsmaterials geradezu erschlagen - leider aber auch hier nur ukrainische bzw. russische Bildunter-schriften, dafür aber auskunftswilliges Personal, dessen Freundlichkeit diesen Mangel ausglich.
Als zusätzliche Qualität dieses Museums – und nicht nur hier - fand man bestechend saubere Sanitäranlagen, die den Vergleich mit entsprechenden Orten bei uns nicht zu scheuen brauchen.
Fast zur Stunde unserer Abfahrt aus Kiew begann ein Elton John Konzert auf dem Majdan-Platz der Unabhängigkeit direkt vor unserem Hotel „Ukraina“. Wir mußten aber leider auf die erhoffte Konzertteilnahme verzichten, da uns im doppelten Sinne die Bahnfahrt mit dem Nachtzug bevorstand, der um 22 Uhr Kiew verließ und um 6 Uhr morgens Odessa erreichte und verheißungsvoll „Tschornomorjez“, also „Schwarzmeerzug“ hieß. Sorgen, insbesondere meiner daheimgebliebenen Familienmitglieder, ob diese Nachtfahrt denn auch ausreichend sicher sei, zerstreuten sich sofort bei der ersten Inaugenscheinnahme der wirklich geräumigen Kabine, die fast wie ein Safe mit einer Metalltür und großem Eisenhebel zu sichern war und dabei die in meiner Erinnerung vorhandenen deutschen Schlafwagen an Bequemlichkeit bei weitem übertraf: Der „Tschornomorjez“ bot uns immerhin Teppichboden und einen eigenen Fernseher.
Am Morgen des 6. Tages holte uns eine wiederum deutschsprachige Führerin aus unserem neuen Hotel in Odessa ab ( Hotel Mozart direkt gegenüber der Oper ). Diese hieß Marina und war wohl so um die vierzig. Anders als Larissa aus Kiew, die etwas wehmütig auf den ihr in Sowjetzeiten verliehenen Titel „Heldin der Arbeit“ (oder so ähnlich) verweisen konnte, gestaltete sie die Stadtrundfahrt weniger detailverliebt, aber auch effizienter.
Die berühmte Treppe aus dem Film
Verdiente Aufmerksamkeit erhielt der Wachwechsel, bei dem eine kleine Formation aus in Uniform gekleideten halbwüchsigen Jungen und Mädchen mit würdevoll-militärischem Schritt einander am Denkmal des Unbekannten Matrosen ablösten. Wiederum fand die Fahrt in einem höherklassigen Wagen deutschen Fabrikats statt, den man uns offenbar schuldig zu sein meinte. Auffällig im übrigen war auch in Odessa die Vielzahl wirklich teurer Luxusautos, die neben zahlreiche Kleinwagen überwiegend russischen Typs unterwegs waren - letztere nicht selten von heftigen Unfällen erkennbar gezeichnet.
Nachdem wir durch die ca 3stündige Führung einen guten Überblick über die Stadt erhalten hatten, deren antiker Name mit ihrem wahren Alter von nur zwei Jahrhunderten in scharfem Kontrast steht, war uns klar, daß wir zunächst die Stelle aufsuchen würden, von der man uns besonders abgeraten hatte: der " Privos ". Hier handelt es sich um einen riesigen Markt, z.T. unter Hallendächern, bei dem eben nicht auf das Gramm abgewogen und in mehrschichtige Plastikfolien eingewickelt wird. Man bekommt eine Salzgurke direkt aus dem Faß und die herrlichen fettgebackenen Piroschog. Tritt man einige Schritte zurück, ordnet sich das Kunterbunt: hier die Kräuterstände, dort Eier- und Obststände, an denen hiesige Melonen ihren Verzehr einforderten.
Auf dem Markt in Odessa
Und auch hier, selbst auf dem Bauernmarkt - eine Wartezeit wird von einer Marktfrau durchaus einmal mit einem Handygespräch überbrückt: Die ganze Ukraine telefoniert und zwar öffentlich: Alt und Jung, im Gehen, selbst auf den U-Bahntreppen von Kiew, während der Autofahrt und in den Cafes. Nur wir sind irgendwie mit unseren Handys nicht klargekommen und waren nicht in der Lage, auf diesem Wege zu kommunizieren - haben es aber im Nachhinein auch nie gebraucht.
Wer sich vorstellen kann, über den Privos zu gehen, wird keinerlei Schwierigkeiten mit diesem Land haben. Wer aber bauliche und auch sonstige Schwächen registriert und addiert, um immer wieder Sanierungsbedürftigkeit bestätigt zu sehen, findet in der Ukraine zwar dazu reichlich Gelegenheit, wird aber der „Mentalität“ der Ukrainer nicht gerecht werden – bitte, ich würde natürlich nicht für mich in Anspruch nehmen, die genau zu kennen, aber für diese Aussage reicht meine Kenntnis. Und wenn die ukrainische Mentalität der deutschen entspräche, befände ich mich jetzt nicht auf diesem herrlichen ein bißchen abenteuerlichen Urlaub.
Manchmal ist einfach ein bißchen Nachsicht nötig – und verdient das nicht ein in jeder Hinsicht junger Staat, der sich selbst erst finden muß? Bitte, sogar die Währung Griwna (richtigere Transkription wohl „Hryvnja“) ist jung: gerade eben mehr als zehn Jahre alt. Ehrlich, ich hatte bis vor einem halben Jahr noch nichts davon gehört und auch bisher in meinem näheren Bekanntenkreis, von denen man sicher einige dem „Bildungsbürgertum“ zurechnen kann, noch keinen gefunden, der die ukrainische Währung aktiv benennen konnte – immerhin zahlen 50 Millionen Europäer in Griwna. Hier muß der Ukrainer wohl etwas Nachsicht mit dem deutschen Bildungsbürger üben …
Noch immer am Tag der Ankunft mit dem Nachtzug Kiew / Odessa drohten wir bei staubtrockenen Straßen und Temperaturen bis nahe an die 40 Grad allmählich zu ermatten (wer hier Schwierigkeiten hat, lieber einen Monat vorher reisen). Da drangen wie erlösend von Ferne aus einer Parkanlage beschwingte Klänge von Blasmusik an unsere Ohren. Wir lauschten diesem Freiluftkonzert mit viel Freude und erfuhren, daß das Orchester im Sommer am Sonnabend- und Sonntagnachmittag auftritt.
Parkonzert im Herzen Odessas
Diesen langen und abwechslungsvollen Tag ließen wir mit einer Fahrt auf dem Schwarzen Meer ausklingen - mit der einbrechenden Dämmerung hatte uns der Zauber von Odessa gefangen.
Am folgenden 7. Tag, dem letzten vor unserer Abfahrt, besuchten wir das Museum für Volkskunde und Geschichte der Stadt Odessa und wurden hier von mitteilungsfreudigen Damen geführt, denen wir dankbar einen brandneu erschienenen, in ukrainischer Sprache gestalteten Museumsführer abkauften.
Anschließend fuhren wir mit einem der vielen für die Ukraine so typischen gelben Trolleys - etwa halb so groß wie ein Omnibus bei uns - nach „Arkadien“, um hier im Schwarzen Meer zu baden. Wer andere Promenaden kennt, wird in seinem Urteil angesichts des klangvollen Namens vielleicht etwas nüchtern sein - aber das Wasser war warm und herrlich und lud zum Verweilen ein. Am Abend besuchten wir noch die Philharmonie, größer und prachtvoller noch als die in Kiew, in der eine Art arabisch-ukrainisches Festival stattfand , welches wir uns vielleicht so nicht ausgesucht hätten - aber auch in Odessa wollten wir unbedingt ein Musiktheater besuchen, und die Oper, vor über 100 Jahren in nur 3 Jahren errichtet, ist nach ebenso langer Schließung wegen Reparatur leider immer noch nicht für Veranstaltungen geöffnet – Sie erinnern sich an den Satz über die Mentalitätsunterschiede?
Der letzte Abend endete in einem gut besuchten Straßenrestaurant bei reichhaltigem, wohlschmeckendem und relativ günstigem Essen.
Am nächsten Morgen, unserem letzten, dem 8. Tag, vor unserem Abflug setzte ich noch einmal meinen Wunsch um, in einem Buchgeschäft zu stöbern und kaufte hier auch eine Menge Klaviernoten. Die letzte Stunde gehörte dann der Potemkin-Treppe, die von oben deutlich weniger imposant als erwartet wirkt. - Hier wollte ich noch ein Stück Odessa als Bleistiftzeichnung festhalten – natürlich den filmbekannten Blick von unten.
Mit vollem Herzen verließen wir dann diese wunderschöne Stadt und unser Urlaubsland, das „Grenzland“, von dem ich vorher nur plakativ-nebulöse Vorstellungen hatte und das mich bestimmt wiedersehen wird!
Der Bahnhof von Odessa